zum Taufstein gemeißelter Menhir in Binscheid
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Binscheid ist ein Ortsteil von Üttfeld, ein paar Häuser und eine Kirche in der Westeifel, nur wenige Kilometer von Eschfeld entfernt. Ich kam an einem frühen Abend, als das Licht schon schräg über die Dächer fiel, und fand die Pfarrkirche St. Nikolaus in der Mannertalstraße ohne Mühe. Der Stein, den ich suchte, steht direkt neben ihrer Südseite, auf einer ebenen Grünfläche, so selbstverständlich in den Dorfalltag eingelassen, dass man ihn für ein Denkmal halten könnte, wenn er nicht so viel älter wirkte.
Er ist keine große Erscheinung. Ein recht dünner Sockel läuft kegelförmig nach oben zu, wird dann auf etwas weniger als halber Höhe wieder deutlich breiter und trägt oben eine Schale. An der schmalsten Stelle ist ein Absatz eingearbeitet, an dem man erkennt, dass hier jemand ein Becken geformt hat. Ich ging langsam um ihn herum, so wie ich es an so vielen Steinen getan habe, und fuhr mit den Fingerspitzen an der Taille des Steins entlang, dort, wo er sich verjüngt. Seine Oberfläche war kühl und von Flechten gezeichnet, und die Form hatte etwas Zeitloses, als hätte man sie weniger gemeißelt als dem Fels abgelauscht.
Wie in Eschfeld erzählt man auch hier die Geschichte vom heiligen Willibrord. Der Sage nach hat er einen heidnischen Menhir zu einem Taufstein umarbeiten lassen und in ihm die ersten Christen getauft. Ich habe diese Legende auf dieser Reise schon mehrfach gehört, und sie hat sich mir eingeprägt, weil sie etwas Rührendes hat: Der Glaube, der kommt, bringt kein neues Gerät, sondern nimmt, was schon da ist, und gibt ihm einen neuen Sinn. Ein Stein, der zuvor etwas anderes bedeutete, wird zum Gefäß für das Wasser der Taufe. Das ist eine schöne Vorstellung, und sie erklärt, warum die Menschen sie so lange bewahrt haben.
Die Wissenschaft sieht es nüchterner. Nach neueren Untersuchungen handelt es sich nicht um einen Menhir, sondern um einen romanischen Taufstein des 12. oder 13. Jahrhunderts aus Arkose, einem Gestein, das in Steingruben gebrochen wurde, die heute auf belgischem Gebiet liegen. In Belgien und Luxemburg haben sich etwa vierzig solcher Taufsteine erhalten, und sie wurden von dem belgischen Forscher Henry d’Otreppe de Bouvette beschrieben. Der Stein von Binscheid gehört also zu einer ganzen Familie von Gefäßen, die einst aus der Gegend der Ardennen in die Dörfer der Eifel gelangten. Mir kam das auf einmal sehr groß vor: Ein Stein, den man für ein Relikt der Vorzeit hielt, war in Wahrheit das Werk von Steinmetzen, die in einer Grube arbeiteten, deren Land längst zu einem anderen Staat gehört, und er ist einen weiten Weg gekommen, um hier neben einer Kirche zu stehen. Auch das ist eine Geschichte von Wanderschaft und Glauben, nur eine andere.
Seinen ursprünglichen Standort kennt niemand. In einer älteren Notiz zur Region heißt es, ein Taufstein habe in Binscheid den Pfosten der Kirchhoftür gebildet, vermutlich derselbe, den man als Taufstein des heiligen Willibrord überlieferte. Ob er je ein Menhir war, nannte der Verfasser damals nur möglich. Es ist eine seltsame Karriere für einen Stein: erst ein Gefäß für das Taufwasser, dann ein Türpfosten, schließlich ein Denkmal auf einer Wiese, und jedes Mal hat man ihm eine neue Aufgabe gegeben, ohne zu fragen, was er davon hält.
Ich stand lange davor, und das Licht wurde langsamer und golden. Die Glocke der Kirche schlug nicht, aber in der Stille hörte ich ein fernes Rauschen, vielleicht eine Straße, vielleicht der Wind. Ich dachte, dass man einen Stein nicht daran erkennen muss, ob er ein Menhir war. Er kann auch dann etwas bewahren, wenn er etwas ganz anderes ist: die Erinnerung an die Hände, die ihn formten, an das Wasser, das er hielt, und an die Menschen, die ihm so lange eine Geschichte gegeben haben, bis sie wahr zu werden schien.