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Schamanen - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Schamanen

Reisen > Mongolei
Es gibt einen Moment am Abend, kurz bevor die Sonne hinter den Hügeln der Steppe verschwindet, in dem das Licht nicht mehr golden ist, sondern rot wie glühende Kohle – und in genau diesem Moment, so lehrten es mich die Schamanen der Mongolei, ist die Membran zwischen den Welten am dünnsten.

Der mongolische Schamanismus, Böö Mörgöl genannt, ist keine Religion, die man sich aneignet. Er ist älter als jede Chronik, älter selbst als das Reich, das Dschingis Khan aus dieser Steppe schmiedete – ein Glaube, der aus der Beziehung zwischen Mensch, Ahnen und dem weiten „Ewigen Blauen Himmel", dem Tengri, gewachsen ist. Schon die frühesten mongolischen Herrscher berieten sich mit Böö und Udgan, männlichen und weiblichen Schamanen, ehe sie in den Krieg zogen oder über das Schicksal eines Stammes entschieden. Sieben Jahrhunderte buddhistischer Verdrängung, jahrzehntelange sowjetische Verfolgung, in der Schamanen verhaftet, gedemütigt, zum Schweigen gebracht wurden – nichts davon hat die alte Praxis auslöschen können. Sie zog sich zurück in die entlegenen Täler des Khövsgöl- und Khentii-Gebirges, in die Zelte der Nomaden, und wartete. Heute kehrt sie zurück, leise, aber unaufhaltsam, wie Wasser, das seinen Weg unter dem Eis zurückfindet.

Ich traf sie am Rand eines Lagers, als die Herden bereits zur Ruhe kamen und der Wind seine Richtung wechselte, wie er es dort jeden Abend tut. Die Schamanin – eine Frau mit einem Gesicht, das schien, als hätte es mehr Winter gesehen als Sommer – bereitete ihr Gewand vor: schwere Fransen aus Leder und Metall, die bei jeder Bewegung klirrten wie ferne Ketten, ein Spiegel auf der Brust, der, wie sie mir erklärte, böse Geister blenden und zugleich das Auge der Ahnen widerspiegeln sollte. Eine Trommel aus Ziegenhaut lag bereit, gespannt über einem Rahmen aus Birkenholz – jener Baum, der den Böö als Weltenbaum gilt, dessen Wurzeln in die Unterwelt reichen und dessen Wipfel den Himmel berührt.

Als die Sonne den Horizont erreichte, begann sie zu trommeln. Nicht laut. Eher wie ein zweiter Herzschlag, der sich unter meinen eigenen legte und ihn allmählich zu übernehmen schien. Das Feuer vor ihr warf Schatten, die größer waren als sie selbst, und ihr Gesang – eine Kette gutturaler Laute, die keiner Sprache glich, die ich kannte, und doch etwas in mir ansprach, das älter war als Sprache – stieg auf in die Dämmerung, während die letzten roten Streifen am Himmel verglühten. Sie rief die Ahnengeister, die Ongod, die in Tieren, Bergen und Vorfahren wohnen sollen; sie bat um Erlaubnis, zwischen den Welten zu reisen.
Ich saß im Kreis der anderen, den Blick auf das Feuer gerichtet, und irgendwann – ich kann nicht sagen, wann genau – verlor ich das Gefühl, wo die Trommel endete und mein eigener Puls begann. Der Rauch stand fast reglos in der windstillen Luft, verzog sich in Formen, die ich lieber nicht benennen will, und für einen Wimpernschlag war mir, als sähe mich etwas aus dem Dunkel jenseits des Feuerscheins an – etwas, das keine Augen brauchte, um zu sehen. Die Schamanin fiel in eine Trance, ihr Körper zuckte in einem Rhythmus, der nicht mehr menschlich wirkte, und als sie wieder zu sich kam, waren ihre Augen für einen Moment leer wie Brunnen, in die man zu tief hineingeblickt hatte.

Später, als das Feuer nur noch Glut war und die Sterne sich über der Steppe entfaltet hatten wie ein zweites, kälteres Firmament, sprach sie mit mir – ruhig, fast beiläufig, als sei das, was gerade geschehen war, nichts als Alltag. Vielleicht war es das für sie auch. Für mich aber war es die Bestätigung von etwas, das ich seit Jahren zu schreiben versuche, ohne es je wirklich erlebt zu haben: dass die Grenze zwischen den Welten keine Mauer ist, sondern ein Vorhang – dünn, atmend, und an manchen Abenden, im richtigen Licht, durchlässig genug, dass etwas hindurchgreift.

Ich bin seither vorsichtiger geworden mit dem, was ich in der Dämmerung anrufe. Aber ich weiß jetzt auch, dass es dort draußen etwas gibt, das antwortet – und dass es, einmal gerufen, sich nicht immer wieder so leicht verabschiedet, wie es gekommen ist.
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