Teufelstisch bei St. Ingbert
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Zwischen den St. Ingberter Stadtteilen Rentrisch und Sengscheid zieht sich ein bewaldeter Bergrücken, der Große Stiefel, und an seinem Nordosthang, auf etwa 350 Metern, steht ein Felsen, den die Stadt zu ihrem Wahrzeichen gemacht hat. Ich stellte den Wagen am Stiefelparkplatz in Sengscheid ab und ging die wenigen Minuten durch den Wald, zuerst auf einem breiten Weg, dann auf einem schmaleren, bis sich zwischen den Buchen eine rote Masse abzeichnete: der Stiefelfelsen, ein durch Verwitterung entstandener Buntsandsteinfelsen von eigenartiger Gestalt. Der untere Teil ist ringsum zu einer niedrigen Säule von etwa sechs Metern Umfang ausgewittert und trägt die ganze Steinmasse darüber, die wiederum von einem wuchtigen Block überlagert wird, sodass das Ganze einem umgekehrten Stiefel gleicht. Aber ich war wegen des Steins gekommen, der daneben steht.
Er heißt Teufelstisch, in manchen Beschreibungen auch Teufelsfels, ein dreieckiger, genauer fünfeckiger Monolith von etwa drei Metern Höhe, der wenige Schritte vom Stiefel entfernt im Wald aufragt. Neben der mächtigen, bizarren Gestalt des Stiefels wirkt er schlicht und fast streng, ein senkrechter Block mit scharfen Kanten, der auf den ersten Blick wie ein gesetzter Pfeiler aussieht und dessen Entstehung man dennoch der Natur zuschreibt. Ich ging um ihn herum, legte die Hand an seine rauen, rötlichen Flächen und spürte, wie warm der Sandstein in der Sonne war. Zu sehen war er, wie der Stiefel, nur durch einen Zaun hindurch: 2021 sicherte man das Denkmal mit einem Bauzaun, 2023 setzte man einen dauerhaften Metallzaun darum, nach vier Gutachten und für eine Summe, über die man in der Stadt gestritten hat. Ich fand das merkwürdig, einen Felsen, der Jahrtausende hielt, mit Gutachten zu schützen, und verstand es doch.
Der Name Teufelstisch gehört in die Sage, die ich schon in Rentrisch kennengelernt hatte. Am Stiefelfelsen soll einst der Riese Kreuzmann gehaust haben, der Menschen jagte, in einen Käfig sperrte und auffraß, und als ihm einige entkamen, schleuderte er ihnen seinen Wetzstein nach, der als Spellenstein im Boden von Rentrisch steckenblieb. Und hier, am Teufelstisch, war der Sage nach angerichtet: Menschenhappen für einen hungrigen Riesen. Ich stand vor dem fünfeckigen Block und versuchte, mir die Szene vorzustellen: den Tisch, die Gäste, die nie eingeladen wurden. Es ist eine grausige Geschichte, und sie hat, wie die meisten grausigen Geschichten, einen Kern, der mehr über die Landschaft sagt als über Riesen: Wer so einen Stein sieht, glaubt nicht, dass Menschen ihn bewegten.
Es gibt auch eine zweite Spur, die in eine ganz andere Richtung führt. Der Stiefel diente, wie man annimmt, schon in der Jungsteinzeit kultischen Zwecken. Auf dem Bergrücken hat man Steinklingen, Pfeilspitzen, Mahlsteine und Steinbeile gefunden, die aus der Mittelsteinzeit stammen sollen, und die Spitze des Stiefels zeigt, wie man festgestellt hat, genau auf den 1300 Meter entfernten Spellenstein. Ich wäre vorsichtig, daraus einen Plan zu machen, aber ich habe den Gedanken nicht losbekommen: Ein Felsen, der auf einen Stein zeigt, ein Stein, der an einem Tisch steht, ein Tisch, der zu einer Sage gehört, die von einem Riesen erzählt, der alles zerstörte, was ihm in den Weg kam. Zwischen den Teilen liegen Jahrtausende, aber sie scheinen miteinander zu sprechen.
Auf dem Bergrücken stand außerdem im 10. Jahrhundert eine Burg, das Stiefler Schloss. Man erkennt es nur noch an Mauerresten, Bodenwällen und Gräben im Waldboden, und ich entdeckte sie erst, als mich jemand darauf hinwies. Nicht weit davon liegt die Stiefelhütte, die der Pfälzerwald-Verein 1912 baute, nach einem Brand 1983 neu errichtete und für die Wanderer geöffnet hält, und ein Gedenkstein, der an die Opfer der beiden Weltkriege erinnert. Die Menschen haben diesen Berg über viele Jahrhunderte benutzt, gefürchtet und verehrt, und jede Zeit hat ihr Zeichen hinterlassen.
Ich setzte mich auf einen umgestürzten Stamm, einige Schritte vom Teufelstisch entfernt, und sah zu, wie das Licht durch die Äste fiel. Es war sehr still. Nur ab und zu hörte man ein Auto, das auf der nahen Autobahn vorbeifuhr, ein fernes, gleichmäßiges Rauschen, das sich mit dem Wind in den Kronen mischte. Hinter dem Zaun stand der Stein, fünfeckig und gerade, und ich dachte, dass es auf der Welt wenig gibt, das so wenig zu erklären hat wie ein Tisch, an dem nie gegessen wurde.
Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Der Stiefel hob sich als dunkle Gestalt gegen den Himmel ab, der Teufelstisch daneben als einfacher Block, und der Wald hielt beide, wie er es seit langem tut. Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas wartete, das man mit Geduld versteht und nicht mit Erklärungen.