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Gnollenstein bei Blieskastel - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Gnollenstein bei Blieskastel

Reisen > Deutschland > Saarland > Saarpfalz
Blieskastel ist eine Barockstadt im Saarpfalz-Kreis, mit Schloss, Fachwerk und einem Blick weit über das Bliestal. Aber ich war nicht wegen des Barocks gekommen. Auf dem Blieskasteler Berg, nordwestlich des Stadtzentrums, steht seit etwa vier Jahrtausenden ein Stein, der als Wahrzeichen der Stadt gilt, und er ist mit 6,58 Metern der größte Menhir Mitteleuropas. Ich stieg den Weg durch Wiesen und Streuobst hinauf, und schon von Weitem sah ich ihn: ein schlanker, heller Pfeiler auf der Kuppe, vor dem Himmel, so hoch und gerade, dass er den Hang beherrscht, wie ein Zeigefinger, den jemand in die Landschaft gestellt hat.

Er besteht aus hellem Sandstein und wurde wahrscheinlich am Ende der Jungsteinzeit errichtet, um 2000 vor Christus. Man bringt ihn mit einem prähistorischen Ahnenkult in Verbindung. Wer ihn aufgerichtet hat und wie, entzieht sich uns. Ich trat näher und blieb zuletzt dicht davor stehen, den Kopf im Nacken. Es ist ein seltsames Gefühl, vor einem Ding zu stehen, das fast sieben Meter hoch ist und von Menschen aufgestellt wurde, die weder Räder noch Eisen besaßen, und mit jedem Schritt wuchs meine Ehrfurcht vor ihrer Mühe.

Fast viertausend Jahre blieb der Gollenstein unversehrt. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Offiziere der Wehrmacht befürchteten, er könnte wegen seiner exponierten Stellung als Richtpunkt für die französische Artillerie dienen, und so legten Pioniere ihn 1939 nieder. Sie hoben eine mit Stroh gefüllte Grube aus, die jedoch zu kurz berechnet war. Beim Umlegen riss das Seil, der Stein stürzte, schlug auf der Kante der Grube auf und zerbrach in vier große und einige kleine Teile. Ich stand an der Stelle und versuchte, mir den Moment vorzustellen: das Reißen des Seils, den dumpfen Schlag, die Stille danach. Ein Stein, der Jahrtausende überstanden hatte, brach durch einen Rechenfehler.

Es ist eine Geschichte, die mich in ihrer Nüchternheit mehr berührt als jede Sage. Zwölf Jahre lag der Riese zerbrochen am Hang. Im November 1951, auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters Alfons Dawo, setzte man die Teile mit Beton wieder zusammen, nicht ganz fachmännisch, wie man ehrlich anmerkt, wegen der breiten Fugen, und richtete den Gollenstein erneut auf. Ich fuhr mit den Fingern an den Fugen entlang, an denen die helle Masse in den grauen Zement übergeht. Man sieht sie noch, wie Narben, und ich dachte, dass ein Stein, den man geheilt hat, mehr erzählt als einer, der nie verletzt wurde. Im Jahr 2002 wurde er komplett eingerüstet und generalsaniert.

Dann sah ich die Nische. Auf Brusthöhe, in die Vorderseite, ist eine Vertiefung eingemeißelt, in der Platz für ein Kreuz, kleine Heiligenfiguren und Kerzen war. Experten schätzen, dass sie wahrscheinlich erst 1809 entstand. Der heidnische Stein bekam so eine christliche Bedeutung, wie es an so vielen Orten dieser Reise geschehen ist, bei den Taufsteinen, am Fraubillenkreuz, in Oberlöstern. Aber hier ist etwas anderes dazugekommen: Unter der Nische sind Fragmente einer menschlichen Figur reliefartig eingehauen, zwei Beine mit Füßen, Teile des Rumpfes, ein Kopf, ein Arm mit Hand. Sie sollen eine vorgeschichtliche Götterfigur darstellen, die an den keltischen Wettergott Taranis erinnert. Ich beugte mich dicht heran und suchte nach den Linien und fand, mit viel gutem Willen und im schrägen Licht, Umrisse, die ich nicht sicher deuten konnte. Es war wie der Versuch, in einer sehr alten Schrift ein Wort zu lesen, das man schon zu kennen glaubt.

Der Name ist selbst ein Rätsel. Am weitesten verbreitet ist die Herleitung vom lateinischen colus, dem Stab, um den die Fasern beim Handspinnen gewunden werden, was zu einem schlanken Pfeiler gut passt. 1553 heißt er Guldenstein, auf einer Karte von 1564 Güldenstein und Pirmanstein. Man hat den Namen auch vom früheren Bewuchs des Berges mit gelbem Ginster hergeleitet, und ein Namensforscher sieht in ihm ein Goldenstein, weil man in der Bronzezeit Gold opferte und das Wort Gold mit Opfer verbunden war: ein Stein einer Opferstätte. Ich stand in der Sonne, ein paar Ginsterbüsche am Wegrand, und musste lächeln. Jede dieser Deutungen ist schlüssig, und keine lässt sich beweisen.

Ich blieb lange auf dem Berg. Der Wind ging durch das Gras, und unten im Tal lag Blieskastel in der Nachmittagssonne, das Schloss, die Kirche, die Dächer. Der Gollenstein stand ruhig über allem, eine helle, gefügte Gestalt mit Narben und Nische, und ich hatte, wie bei so vielen Steinen dieser Reise, das Gefühl, dass er mich nicht beachtete, sondern duldete. Er hat Kriege überstanden, Kreuze, Beton und Gerüste. Neben ihm wirkte alles, was ich über ihn wusste, sehr jung.

Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Die Abendsonne färbte den Sandstein gelb, fast golden, und für einen Augenblick schien der Name Guldenstein ganz zu stimmen. Ich nahm mir vor, ihn nicht zu erklären, sondern ihn so zu erinnern: als einen Riesen, der brach und wieder aufstand.
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