Kultplatz bei Zerf
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Zerf liegt im Hochwald, am Zusammenfluss von Großbach und Ruwer, in einer waldreichen Gegend, in der mehr als zwei Drittel der Fläche von Bäumen bedeckt sind. Schon der Name klingt nach Wild und Wald: Er geht auf das lateinische Cervia zurück, den Hirsch. Die Gemeinde selbst weist auf Steinbeile und einen Menhir hin, die auf Menschen der jüngeren Steinzeit deuten, und auf das berühmte Fürstengrab mit etruskischen Bronzegefäßen und Goldschmuck, das zeigt, dass hier einmal Kelten siedelten. Ich war dem Hinweis auf einen Kultplatz gefolgt, der sich weit abseits der Orte im Wald verbergen soll.
Der Weg dorthin beginnt in Kalfertshaus, einem kleinen Wohnplatz südlich von Zerf, den man über die B 407 Richtung Saarburg und eine Abzweigung zum Neunhäuserweg erreicht. Von dort geht man zu Fuß genau nach Süden, zuerst am Waldrand entlang, dann durch ein Gittertor, und folgt einem Waldweg, der bei meinem Besuch, wie schon in den alten Beschreibungen, sehr matschig war. Etwa vierhundert bis fünfhundert Meter weit sieht man am Weg auffallend viele Sandsteinblöcke liegen, große und kleine, im Moos und unter Farn. Ich blieb mehrmals stehen und fragte mich, ob sie schon zum Ort gehörten oder nur zum Wald.
Dann öffnet sich rechts eine Lichtung. Man betritt sie, und etwas ändert sich. In einer Beschreibung heißt es, sie habe eine seltsame, mystische Ausstrahlung, und ich muss gestehen, dass ich dieses Wort selbst kaum besser hätte wählen können. Es war still, ungewöhnlich still, selbst für einen Wald, und das Licht lag in einem milchigen Streifen auf dem Boden. Am Waldrand steht ein großer Sandsteinblock senkrecht, etwa 1,60 Meter hoch, 1,80 Meter breit und nur vierzig Zentimeter dick, mit ziemlich glatten Seiten. Seine Spitze scheint abgebrochen zu sein, und das gibt ihm etwas Unvollendetes, als hätte jemand mitten im Satz aufgehört.
Um diesen Stein herum liegen weitere mächtige Sandsteinblöcke, direkt daneben und über die ganze Lichtung verstreut. Ich ließ den Blick darüber wandern, wie es der Bericht empfiehlt, und tatsächlich glaubte ich nach einer Weile eine gewisse Ordnung zu erkennen: Reihen, die keine waren, Abstände, die sich zu wiederholen schienen. Ich weiß, dass das Auge Muster sucht und findet, wo keine sind. Aber die Anhäufung der Steine lässt den Verdacht aufkommen, dass hier einmal ein alter Kultplatz war, und an diesem Ort fällt es schwer, dagegen zu argumentieren.
Und doch muss ich ehrlich bleiben. Ob der abgebrochene Pfeiler der Zerfer Menhir ist, kann nach dem Stand der Dokumentation nicht abschließend beurteilt werden. Ein ortsansässiger Landwirt hat den Beobachtern, die den Platz beschrieben, erklärt, Sandsteine kämen hier von Natur aus sehr häufig vor, und von einem Menhir habe er noch nie gehört. Das ist ein wichtiger Einwand: Die Lichtung könnte ein natürliches Feld aus Sandsteinblöcken sein, das erst der Blick des Menschen zu einem Ort der Bedeutung macht. Ich habe nichts gefunden, das dagegen spräche, und nichts, das es bewiese.
Ein Argument aber lieferte derselbe Landwirt mit. Der Waldweg bildet die Grenze zwischen den Gemeinden Zerf und Vierherrenborn, und in der Nähe der Lichtung liegt auch die Gemeindegrenze zu Greimerath. Der Pfeiler steht also, wie so oft bei Menhiren, nahe einem Punkt, an dem drei Gemarkungen aufeinandertreffen. Ich habe dieses Muster auf meiner Reise mehrfach gesehen: den Langenstein von Bornheim an der Grenze zweier Orte, den Fliegenstein bei Wattenheim, den Eselstratt von Trittenheim. Es beweist nichts, aber es erzählt, dass Menschen über Jahrhunderte gespürt haben, welche Stellen im Gelände Bedeutung haben.
Ich blieb noch lange auf der Lichtung. Zwischen den Steinen wuchs Gras, und von irgendwoher kam das leise Klopfen eines Spechts. Ich legte die Hand auf den glatten Rücken des Pfeilers und dachte darüber nach, dass ein Kultplatz vielleicht gar keine Anlage braucht, nur Menschen, die einen Ort für wichtig halten. Ob die Lichtung einmal heilig war oder nur schön, kann ich nicht sagen. Aber als ich ging, hatte ich das Gefühl, etwas zurückzulassen, das ich nicht mitnehmen durfte, und dass es mir, wie dem Stein selbst, besser ansteht, es dort zu lassen.