Fraubillenkreuz auf dem Ferschweiler Plateau
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Mitten im Wald, nordwestlich von Ferschweiler und südöstlich des Weilers Rohrbach bei Nusbaum, laufen mehrere Waldwege an einer Kreuzung zusammen. Ich war über schmale Pfade dorthin gelangt, durch Buchen und Fichten, und es war so still, dass ich meine eigenen Schritte im Laub zählte. Dann öffnete sich der Weg, und er stand dort, schief und mächtig, ein Stein, der von Weitem schon wie ein Kreuz aussah: das Fraubillenkreuz. Es gilt als der bedeutendste Menhir der Region Trier und ist als Kulturdenkmal ausgewiesen.
Heute ragt er noch etwa 3,3 Meter auf, ursprünglich waren es wohl vier bis fünf Meter. Er besteht aus Liassandstein, und nach der Überlieferung ist er etwa 5000 Jahre alt. Wer vor ihm steht, spürt dieses Alter, auch wenn man es nicht beweisen kann. Er neigt sich deutlich zur Seite, so als hätte er sich im Lauf der Jahrtausende dem Wald zugewandt, und seine Oberfläche ist rissig und von Moos überzogen, aber über die Flanken zieht sich eine Form, die kein Zufall sein kann: Arme, Schultern, ein Schaft. Der Stein ist zu einem Kreuz geworden, ohne aufgehört zu haben, ein Stein zu sein.
Die Überlieferung erzählt, dass kein Geringerer als Willibrord, der in der Eifel hochverehrte Missionar, den heidnischen Menhir eigenhändig in Kreuzform umgemeißelt und ihn damit christianisiert habe. Ich weiß nicht, ob ein Heiliger je mit Hammer und Meißel an diesem Fels stand. Die Legende ist ein Weg, die Geschichte zu erzählen, kein Beleg. Aber sie sagt etwas Wahres über den Vorgang: Man hat dem Alten nicht den Rücken gekehrt, sondern es umgeformt, als wäre ein Stein, den schon Tausende von Jahren zuvor jemand aufgerichtet hatte, zu mächtig, um ihn einfach zu beseitigen. In den Stein sind außerdem zwei Figurennischen eingehauen, und um sie herum sieht man Löcher, deren Zweck ich mir nicht erklären konnte. Ich stand lange vor den Nischen und stellte mir vor, was einst darin gestanden haben mag, ein Heiligenbild, eine Kerze, eine Gabe, und fand keine Antwort.
Am meisten beschäftigte mich sein Name. Fraubillenkreuz: Niemand weiß sicher, woher er kommt. Eine Deutung leitet ihn von „Unserer lieben Frau Bild-Kreuz” ab, einem Kreuz mit dem Bild der Muttergottes. Eine andere sieht in ihm die Sibylle, jene weissagende Frau, die man in alten Zeiten befragte. Für diese zweite Möglichkeit spricht, dass der Menhir im Jahr 1617 als „Sybillen Creutz” erwähnt wird. Ich fand das auf einmal sehr nahe: ein Stein, der im Namen einer Seherin steht, mitten im Wald an einer Wegkreuzung, wo sich Wege treffen und Entscheidungen fallen. Ob die Menschen hier einst wirklich eine Weissagerin vermuteten oder ob nur ein Wort sich über die Jahrhunderte verformt hat, lässt sich nicht sagen. Aber ich glaube, dass dieser Name nicht zufällig zu diesem Ort passt.
Die Gemeinde Nusbaum hat das Fraubillenkreuz in ihr Wappen aufgenommen, mit der Begründung, es sei ein christianisierter Menhir aus der Keltenzeit. Dabei dürfte der Stein deutlich älter sein als die Kelten, doch das hat er sich nicht ausgesucht. Auch als Grenzstein hat er über Jahrhunderte gedient, und er gilt als ein Stein, um den sich Legenden ranken. Sein Standort an der Kreuzung der Wege hat diese Aufgabe sicher begünstigt.
Ich setzte mich für eine Weile ans Ende des Weges, den Rücken an einen Baum gelehnt, und sah zu, wie das Licht durch die Äste fiel und über das Kreuz wanderte. Es war sehr still, bis auf das Rauschen in den Baumkronen. Für einen Moment kam es mir so vor, als wäre dieser Stein die Mitte einer Landschaft, die sich um ihn gruppiert hatte, ohne dass jemand es plante. Dann stand ich auf, nickte ihm zu, ohne recht zu wissen, warum, und ging den Weg zurück. Hinter mir blieb der schiefe Stein an seiner Kreuzung, wie er seit Jahrtausenden dort steht, ein Stein, der seinen Namen gewechselt hat, sein Gesicht und seinen Glauben, und der doch nichts anderes verraten hat als seine Standhaftigkeit.