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Wetzrillenstein in Köllerbach - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Wetzrillenstein in Köllerbach

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Köllerbach liegt im Köllertal, einem Tal im Saarland, das einst als Kornkammer der Fürsten von Nassau-Saarbrücken galt und später von Bergbau und Hüttenindustrie geprägt wurde. Heute ist es ein Stadtteil von Püttlingen im Regionalverband Saarbrücken, und die Geschichte, die man dort erzählt, handelt von Gruben, Arbeitersiedlungen und einem Dorf, das es erst seit 1932 gibt: Damals schlossen sich sechs Gemeinden, Kölln, Engelfangen, Sellerbach, Herchenbach, Rittenhofen und Etzenhofen, nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zu einem neuen Dorf zusammen. Ich suchte aber etwas, das älter ist als jede dieser Siedlungen, und fand es an der Kirche St. Martin: einen Stein, in den man Rillen geschliffen hat.

Er steht an der Kirche, nicht abseits in einem Wald oder auf einem Feld, sondern dort, wo die Menschen zum Gottesdienst gehen, und gerade das gehört zu seinem Rätsel. Wetzrillen, so erklärt man, sind ein weitverbreitetes historisches Rätsel, an dem es nicht an Lösungsversuchen mangelt. Allgemein geht man davon aus, dass sie fast ausschließlich mittelalterlichen Ursprungs sind, weil man sie fast nur an mittelalterlichen Gebäuden findet, und zwar sehr gehäuft an heiligen und klerikalen: an Kirchen, Stadttoren, Türmen. Der Brauch scheint im 16. und 17. Jahrhundert in Vergessenheit geraten zu sein, und davor so gewöhnlich, dass es niemand für nötig hielt, auch nur einen Satz darüber aufzuschreiben. Ich stand vor dem Stein und strich mit dem Finger durch die Rillen, die glatt und länglich in die Oberfläche geschliffen waren, und spürte einen Brauch, der so selbstverständlich war, dass er sich selbst nicht erklärte.

Was haben die Menschen dort getan? Die Deutungen sind zahlreich. Nach einer sollen die Rillen als symbolische Schleifspuren von Schwertern und Messern entstanden sein, damit diese, so gesegnet, im Kampf tödlicher seien. Nach einer anderen, entgegengesetzten, dienten sie der symbolischen Stumpfmachung: Wer als Schwertträger heiligen Boden oder eine Stadt betrat, zog seine Klinge durch die Rillen an Kirche oder Mauer, um dem friedlichen Charakter des Ortes zu genügen. Eine sehr verbreitete Theorie nimmt an, dass das in Wasser aufgelöste, getrunkene Steinpulver heiliger Orte, von Kirchen ebenso wie von Menhiren, als Heilmittel begehrt war und die Rillen die Überreste dieser Praxis sind. Andere erzählen, es seien die Kratzspuren des Teufels, der so seinen Unmut über Gott ausdrücken wollte, und bei den Hinkelsteinen schreibt man sie, wie ich schon am Gollenstein und am Spellenstein gehört hatte, Riesen zu, die dort ihre Schwerter wetzten.

Und es gibt Erklärungen, die ich nicht erwartet hatte: gemeinsames Kerbenschlagen nach Hochzeiten durch Mitglieder beider Familien, das Entzünden des Osterfeuers durch rotierende Holzscheiben bei den runden Wetznäpfen, das Zuspitzen von Schreibgriffeln, Bußübungen, bei denen man den Fingernagel drehte, bis es schmerzte, oder das Reiben des Fingernagels in einer Rille durch stolze Väter nach der Geburt eines Kindes. Ich las das und musste lächeln und zugleich schlucken. Jede dieser Deutungen erzählt von einem Menschen, der an einer Kirche steht und etwas tut, das ihm wichtig ist: Er will eine Klinge segnen, ein Kind begrüßen, eine Sünde büßen. Sicher ist keine davon.

Ich stellte mir die Menschen vor, die an diesem Stein gestanden hatten, einen Sonntag nach dem anderen, Jahrhundert um Jahrhundert, und jeder von ihnen hatte etwas an den Rillen gelassen, so wie sich Wasser in Stein gräbt. Es sind Spuren, die nicht von einem einzigen Augenblick stammen, sondern von Tausenden, kaum sichtbar im einzelnen und doch zusammen tief. Und gerade weil niemand mehr weiß, wozu sie dienten, wirken sie auf mich wie ein Gespräch, das abgebrochen ist, dessen Tonfall man aber noch hört.

Die Kirche St. Martin im Rücken, die Straßen des Köllertals vor mir, die Gruben und Hütten, die dieses Tal geprägt haben, kam mir das alles seltsam fern vor. Und doch stand dieser Stein hier, in einem Ort, der erst 1932 entstand, und trug Spuren aus einer Zeit, in der niemand daran dachte, dass sich Dörfer zu Städten zusammenschließen würden. Ich legte noch einmal die Hand auf die Rillen. Sie waren kühl, und ich hatte das Gefühl, dass sie nichts von mir wollten, aber auch nichts vergaßen.

Als ich ging, blickte ich zurück. Der Stein stand an seinem Platz an der Kirchenmauer, grau und unauffällig, und niemand, der vorbeiging, hielt an. Ich dachte, dass das vielleicht die eigentliche Fortsetzung des Brauchs ist: etwas zu tun, das so gewöhnlich ist, dass niemand es aufschreibt.
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