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Opferstein bei Neunkirchen - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Opferstein bei Neunkirchen

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Neunkirchen an der Saar war bis in die 1970er Jahre ein Zentrum der Schwerindustrie, Kohle und Eisenerz bestimmten die Stadt, und wer heute durch sie fährt, sieht noch Reste davon: ein Industriedenkmal, die Lücke, wo einst ein 75 Meter hoher Gasometer stand. Südlich von Wellesweiler, mitten im Stadtgebiet und doch seltsam abgeschieden, liegt ein ganz anderes Neunkirchen: das Naturschutzgebiet Kasbruchtal, ein Wiesental mit Bächen, Feuchtgebieten und Buntsandsteinhängen, das einmal Sumpfland war. Ich stellte meinen Wagen am Parkplatz an der Eifelstraße ab, und nach wenigen Minuten Fußweg schloss sich hinter mir die Stadt wie ein Vorhang.

Der Opferstein liegt nicht weit vom Parkplatz entfernt, und sein Name verspricht mehr, als er hält. Man vermutete lange, hier einen gallorömischen Altar vor sich zu haben, denn in den Fels ist eine Rinne geschlagen, die man als Blutrinne deutete, als Abfluss für das Blut von Opfertieren. Ich stand davor und sah sie: eine gerade, schmale Furche im Sandstein, scharf an den Rändern, so regelmäßig, dass man ihr sofort einen Zweck zutraute. Ich konnte verstehen, warum man auf die Idee gekommen war. Im Halbdunkel des Waldes, mit dem Moos an den Flanken und dem Licht, das schräg auf die glatten Flächen fiel, sah es genau so aus, wie man sich einen Opferplatz vorstellt.

Die Wahrheit ist nüchterner. Der sogenannte Opferstein ist, wie es in der archäologischen Darstellung heißt, keineswegs eine Kultstätte, sondern ein antiker Steinbruch. Abbauspuren und die deutlich erkennbare Abspaltrinne zeigen, dass hier einst Steine gebrochen wurden, in der Zeit zwischen dem ersten und dritten Jahrhundert, als die Gegend gallorömisch besiedelt war. Die Rinne, die man für eine Blutrinne hielt, diente dazu, Blöcke aus dem Fels zu lösen. Ich legte die Hand hinein und spürte, wie scharf die Kanten noch sind, nach fast zweitausend Jahren, und dachte, dass dies kein Altar ist, sondern etwas, das mir fast näher ging: die Spur harter, alltäglicher Arbeit.

Und doch hat der Name seine eigene Geschichte. Auch der Opferaltar bei Bollendorf in der Eifel, den ich zuvor besucht hatte, ist ein Fels, dem man eine Bestimmung andichtete, die sich nicht belegen lässt. Es scheint, dass Menschen in jeder Zeit, wenn sie vor einem großen, auffälligen Stein standen, an Opfer, Blut und Götter dachten, auch dort, wo nur Handwerker gearbeitet hatten. Der Name Opferstein sagt mehr über die, die ihn gaben, als über den Stein.

Das Kasbruchtal birgt noch vieles andere, und mein Blick ging immer wieder von dem Steinbruch zu den Dingen, die ihn umgeben. In einer Grabungskampagne in den Jahren 1921 und 1922 fand man hier sechs oder sieben einzelne Weiler, von denen heute nichts mehr zu sehen ist. Sichtbar geblieben sind das Grabfeld, eine Sandsteinplatte mit eckigen und runden Vertiefungen, in die man Urnen stellte, und eine in den Fels geschlagene Treppe, die man Jungfernstieg oder Römertreppe nennt, ein Zeugnis aus gallorömischer Zeit. Sie führt zu den Felsgräbern, und ich stieg sie langsam hinauf, Stufe für Stufe, im Wissen, dass hier schon vor zwei Jahrtausenden Menschen hinaufgegangen sind, um ihre Toten zu begraben.

Die Fundstücke erzählen mehr. Das Fragment einer lebensgroßen Panzerstatue, eine Venusfigur und eine Wasserleitung deuten auf ein gallorömisches Quellheiligtum hin, und der ehemalige Landesarchäologe Alfons Kolling hat ihm 2002 eine eigene Abhandlung gewidmet. Die Siedlung lag in unmittelbarer Nähe der Kreuzung zweier Römerstraßen bei Wellesweiler, also an einem Ort, an dem Wege und Menschen zusammenkamen. Auch Spuren aus der Jungsteinzeit hat man hier gefunden. Ich fand es schön, dass ein Tal, das heute von Stadt und Straßen umgeben ist, so viele Schichten in sich trägt, und dass es genau dort, wo man am wenigsten damit rechnet, still geworden ist.

Ich setzte mich auf einen Stein am Rand des Steinbruchs und lauschte. Es war sehr ruhig, nur Wasser, das irgendwo über Steine lief, und der Wind in den Kronen. Der Fels vor mir, mit seiner Blutrinne, die nie Blut gesehen hat, lag im Dämmerlicht des Waldes, grau und glatt, und ich hatte das Gefühl, dass er mit dem Namen, den man ihm gegeben hat, besser leben konnte als mit der Wahrheit. Vielleicht braucht ein Ort beides: den Arbeiter, der den Block löste, und den Wanderer, der darin einen Altar sah.

Als ich ging, blickte ich noch einmal zurück. Der Opferstein lag im Grün, unspektakulär und doch eigenartig anwesend, und ich dachte, dass man ihn in zwei Sprachen lesen kann: in der der Archäologen, die ihn einen Steinbruch nennen, und in der der Menschen, die in ihm einen Altar erkannten. Beide haben recht, und beide erzählen von jemandem, der hier einmal etwas Wichtiges tat.
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