Direkt zum Seiteninhalt

Hinkelstein von Walhausen - Lyakon

Menü überspringen
Non omnis moriar.
(Horaz)

Hinkelstein von Walhausen

Reisen > Deutschland > Saarland > St. Wendel
Walhausen liegt im Nordsaarland, ein kleiner Ortsteil von Nohfelden im Landkreis St. Wendel, in einer Gegend aus Wiesen, Feldern und sanften Höhen, in der man den Himmel weit sieht. Westlich des Ortes, auf einem Acker im Flurstück „Vor Hinkelsborn”, steht er: eine große, graue Scheibe aus Stein, die auf den ersten Blick wie eine aufgerichtete Platte wirkt. Direkt neben ihm sprudelt die Quelle, nach der die Flur benannt ist, der Hinkelsborn. Ich kam an einem hellen Mittag, und als ich vom Feldweg aus näher trat, fiel mir als Erstes seine Größe auf: ein Block, der mir fast bis zum Kopf reichte und breiter war, als ich die Arme ausstrecken konnte.

Der Stein ist 2,30 Meter hoch, 2,50 Meter breit und nur 90 Zentimeter dick, und sein Gewicht wird auf dreizehn bis fünfzehn Tonnen geschätzt. Er besteht aus verkieseltem Sandstein, der, wie es heißt, nicht aus der Gegend stammt. Seine Form ist scheibenförmig, die Oberfläche unregelmäßig, mit Rissen und Vertiefungen, und an den Schmalseiten zieht sich eine tiefe Schichtfuge durch das Gestein. Spuren künstlicher Bearbeitung sind nicht erkennbar. Ich ging um ihn herum, fuhr mit der Hand über die raue, kühle Fläche und versuchte zu verstehen, was ich da sah: ein Naturstein, den jemand aufgestellt hatte, oder ein Stein, der zufällig dort lag. Ein ortsfremdes Gestein von vierzehn Tonnen legt sich nicht von selbst auf einen Acker, und doch lässt sich nichts beweisen.

Seine neuere Geschichte ist die eines Gescheiterten. Der Stein lag ursprünglich direkt neben der Quelle, und 1924 sollte er für ein Kriegerdenkmal verwendet werden. Der Plan scheiterte, und der Stein blieb weitere sechzig Jahre dort liegen, überwachsen und vergessen. Erst 1984 wurde er um einige Meter versetzt und wieder aufgerichtet. Dabei untersuchte man den Fundort archäologisch, machte aber keine datierbaren Funde. Altersangaben, die man hier und da liest, sind deshalb, wie die Dokumentation vermerkt, rein spekulativ. Ich fand das erfrischend ehrlich: Ein Stein, der so alt sein könnte wie die Pyramiden oder so jung wie ein Gemeinderatsbeschluss, und niemand weiß es.

Dafür gibt es Geschichten in Fülle. Der Hinkelstein soll sich um seine eigene Achse drehen, wenn mittags die Kirchenglocken läuten. Ich blieb deshalb länger stehen, als ich vorhatte, bis die Glocken von Walhausen zwölf schlugen, und beobachtete den Stein genau. Er blieb, wie er war, schwer, grau und reglos, aber ich muss gestehen, dass ich bei jedem Schlag leicht den Atem anhielt. Auch den Gollenstein bei Blieskastel erzählt man sich als drehenden Stein, nur dort um Mitternacht. Es scheint ein Muster zu sein: Wo ein Stein so groß ist, dass man sich nicht vorstellen kann, dass er stillsteht, lässt man ihn tanzen.

Darunter soll etwas begraben liegen. Nach der einen Sage ist es die Kriegskasse Attilas, nach einer anderen die Napoleons, nach einer dritten eine goldene Kutsche. Ich stellte mir das vor: einen Wagen aus Gold unter vierzehn Tonnen Stein, in einem Acker im Nordsaarland. Die Archäologen haben 1984 gegraben und nichts dergleichen gefunden. Aber ich glaube nicht, dass es an dieser Stelle um Gold geht. Es sind Bilder dafür, dass ein Ort etwas Wertvolles bewahrt, das man nicht heben darf, und es passt zum Namen: Hinkel, das alte Wort für Huhn, und Hünenstein, der Riesenstein, aus dem es hervorgegangen ist.

Ich setzte mich an die Quelle, die neben dem Stein leise aus dem Boden tritt und in einem kleinen Rinnsal durch das Gras läuft. Es war warm, und über dem Feld flimmerte die Luft. Der Stein warf einen schmalen Schatten, der kaum über seinen Fuß hinausreichte, weil die Sonne hoch stand. Das Wasser, der Stein, der Mittag: Es war ein Moment, in dem alles an seinem Platz zu stehen schien, und ich verstand, warum Menschen gerade hier etwas aufrichten wollten oder jedenfalls etwas Aufgerichtetes bewahrt haben.

Als ich ging, blieb der Hinkelstein im hellen Licht zurück, eine große, schiefergraue Scheibe in einem Feld, daneben das Murmeln der Quelle. Ich drehte mich noch einmal um, nicht in der Erwartung, dass er sich bewegt, sondern in der Gewissheit, dass er sich in meiner Abwesenheit auch nicht bewegen würde. Und es kam mir vor, als wäre das die eigentliche Kunst eines Steins, der zu Mittag tanzen soll: so zu stehen, dass niemand ihn dabei erwischt.
Zurück zum Seiteninhalt