Khar Zurkhnii Khukh Nuur
Reisen > Mongolei
Es gibt einen See in der mongolischen Steppe, der seinen Namen von einem Berg trägt, der aussieht wie das, wofür man ihn hält: ein Herz. Schwarz und still liegt der Khar Zurkh – das „Schwarze Herz" – über zwei ineinander verschlungenen Wasserflächen, die zusammen Khar Zurkhnii Khukh Nuur heißen, den Blauen See des Schwarzen Herzens. Ich näherte mich ihm am späten Nachmittag, als das Licht bereits jene bernsteinfarbene Schräge annahm, in der Landschaften aufhören, nur Landschaft zu sein.
Dieser Ort trägt Gewicht, das man nicht sieht, aber spürt, sobald man den Fuß auf das Ufergras setzt. Der „Geheimen Geschichte der Mongolen", jener Jahrhunderte alten Chronik, die das Leben Temüdschins in kargen, fast raunenden Sätzen festhält, zufolge wurde genau hier, am Südufer dieses Sees, im Jahr 1189 ein Mann zum Herrscher der vereinten mongolischen Stämme erhoben – und erhielt jenen Namen, der seither die Welt durchzittert: Dschingis Khan. Der See, der Berg, der nahe Fluss Sengür – sie alle sind in der Chronik verzeichnet, als hätte das Land selbst ein Gedächtnis, in das man seine Namen einschreiben kann.
Zum Gedenken an den 840. Geburtstag des Khans errichteten die Menschen hier ein Denkmal – und ich gebe zu, ich war nicht vorbereitet auf das, was mich erwartete. In einem halbmondförmigen Bogen, 108 Meter im Durchmesser, stehen sechsunddreißig geschnitzte Holzfiguren, jede einem König der goldenen Linie gewidmet, aufgereiht wie ein erstarrter Hofstaat, der auf etwas wartet, das nie ganz kommt. Im Zentrum ragen die Gestalten Dschingis Khans, seines Vaters Yesügei, seiner Mutter Hoelun und seiner Gemahlin Börte empor, flankiert vom stillen Wachdienst neun weiterer geschnitzter Feldherren am Eingang der Anlage.
Ich ging zwischen ihnen hindurch, als die Sonne bereits tief stand und ihre Schatten zu Lanzen wurden, die quer über das Gras fielen. Das Holz war grau geworden von Wind und Wetter, rissig wie altes Leder, und doch – oder gerade deshalb – schienen die Gesichter lebendiger als jede polierte Statue es je sein könnte. Ich blieb vor der Figur des Khans stehen, und für einen Moment, den ich nicht erklären kann und auch nicht erklären will, hatte ich das Gefühl, nicht ich betrachte ihn, sondern es sei umgekehrt: als hätten sechsunddreißig geschnitzte Augen sich gleichzeitig auf den Fremden gerichtet, der da unangekündigt in ihren Kreis getreten war. Der See lag reglos hinter mir, schwarz gespiegelt im letzten Licht, und irgendwo im Schilf rief ein Vogel, einmal, dann nie wieder.
Man sagt, an Orten, wo Geschichte geschrieben wurde, bleibe etwas zurück – ein Nachhall, der sich in Holz und Wasser und Stein festsetzt und wartet. Ich weiß nicht, ob ich das glaube. Aber ich weiß, dass ich den Blauen See des Schwarzen Herzens nicht verließ, wie ich ihn betreten hatte. Etwas von diesem Abend ist mit mir gegangen – vielleicht nur ein Bild, vielleicht mehr. Und wenn ich seither von Königen schreibe, die aus dem Dunkel erhoben werden, höre ich manchmal wieder jenen einzelnen Vogelruf über stillem Wasser – als würde mir das Land sagen: Auch das hier war einmal eine Geburt. Und Geburten dieser Art vergisst man nicht so leicht.