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Blanke Helle - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Blanke Helle

Reisen > Deutschland > Berlin
Man erwartet germanische Heiligtümer in dunklen Wäldern, an entlegenen Küsten, tief in Landschaften, die der moderne Mensch längst gemieden hat. Nicht zwischen S-Bahn-Gleisen, Mietshäusern und dem gleichmäßigen Rauschen des Berliner Alltags. Und doch liegt genau dort, mitten im Alboinplatz in Tempelhof-Schöneberg, ein kleiner, unscheinbarer Teich, den kaum jemand eines zweiten Blickes würdigt – die Blanke Helle. Ich stand an einem grauen Nachmittag an seinem Ufer und musste mir eingestehen, dass ich selten einen Ort besucht hatte, dessen Harmlosigkeit mich so sehr täuschte.

Der Name selbst trägt bereits die Wahrheit in sich, wenn man weiß, wo man hinhört: Helle, Hel, Hölle – eine sprachliche Verwandtschaft, die nicht zufällig ist. In der germanischen Mythologie ist Hel zugleich die Unterwelt und ihre Herrscherin, die Totengöttin, die über jene wacht, die keinen ehrenvollen Tod im Kampf fanden. Die alte Sage, die sich um diesen Teich rankt, erzählt, dass er einst den Zugang zu genau diesem Totenreich bildete. An seinem damals noch dicht bewaldeten Ufer stand der Opferstein Hels, über den ein Priester wachte, treu und beharrlich, Jahr für Jahr. Zweimal jährlich, so heißt es, sandte die Göttin ihm schwarze Stiere aus der Tiefe des Wassers, die ihm die umliegenden Felder pflügten – ein stiller Pakt zwischen einer Göttin der Toten und einem Mann, der bereit war, ihr zu dienen.

Als der alte Priester starb, kam ein christlicher Mönch in diese Gegend, freundlich aufgenommen, und lebte eine Weile im Frieden weiter, den sein Vorgänger errichtet hatte. Doch er versäumte es, Hel weiterhin Opfergaben darzubringen – ob aus Nachlässigkeit oder aus dem Unglauben seines neuen Glaubens, das verschweigt die Sage. Als die Stiere im folgenden Frühjahr aus dem Wasser stiegen, pflügten sie nicht die Felder. Sie zogen den Mönch selbst in die Tiefe des Sees, verschlangen ihn, als forderten sie zurück, was man ihrer Herrin schuldig geblieben war. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hielt sich unter den Anwohnern das Gerücht, die Blanke Helle verschlinge alljährlich ein Opfer – ein Gerücht, das, wie ich später erfuhr, einen unheimlich realen Kern besitzt: Mehr als einer ist in diesem scheinbar so harmlosen Gewässer tatsächlich ertrunken.
Ich ging langsam um den Teich, dessen Wasser stumpf und reglos unter dem trüben Berliner Himmel lag, und blieb vor der Skulptur stehen, die seit 1934 am Ufer wacht: ein sieben Meter hoher Auerochse aus Muschelkalkstein, von Paul Mersmann geschaffen, sein Blick angriffslustig auf das Wasser gerichtet, als könnte er jeden Moment wieder aus dem Stein heraustreten und dorthin zurückkehren, woher die Sage ihn einst kommen ließ. Man erzählt, der Bildhauer habe eine geheime Warnung gegen die Machthaber seiner Zeit in einer kleinen Ampulle im Inneren der Statue versteckt – eine zweite, verborgene Geschichte unter der ersten, wie so oft an Orten, die mehr Schichten tragen, als das Auge zunächst erkennt.

Ich setzte mich für eine Weile auf eine der Bänke am Ufer, während Berliner mit ihren Hunden vorbeigingen, ahnungslos oder gleichgültig gegenüber dem, was diesem Wasser einst nachgesagt wurde, und spürte, wie sich die vertraute Geräuschkulisse der Stadt allmählich in den Hintergrund zurückzog. Der Wind kräuselte die Oberfläche des Teichs in unregelmäßigen, fast zögerlichen Wellen, und für einen Moment – nur einen Herzschlag lang – hatte ich das seltsame Gefühl, dass unter dieser stillen, städtischen Oberfläche tatsächlich etwas Tieferes lag, etwas, das nicht auf zwei Gesichtshälften verzichtet, eine helle, geordnete und eine zweite, der Verwesung zugewandte, wie man mir später über die Göttin erzählte, deren Name diesem Ort bis heute anhaftet.

Als ich schließlich aufstand und den Alboinplatz verließ, vorbei am steinernen Auerochsen, der weiterhin unbeirrt auf das Wasser starrte, dachte ich daran, wie viele solcher Schwellen wohl noch mitten in unseren Städten liegen, unbemerkt zwischen U-Bahn-Stationen und Supermärkten, wartend, dass jemand innehält, lange genug, um zu spüren, was sich unter der glatten Oberfläche des Alltäglichen noch immer regt. Die Blanke Helle hat mich gelehrt, dass man das Unheimliche nicht in der Ferne suchen muss. Manchmal genügt ein kleiner Teich im Herzen Berlins – und die Bereitschaft, seinem stillen Wasser ein wenig zu lange in die Augen zu sehen.
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