Menhir von Mittelbrunn
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Mittelbrunn liegt am Rand des Pfälzerwalds, im Landkreis Kaiserslautern, ein Dorf mit knapp siebenhundert Einwohnern, das seit 1230 urkundlich bekannt ist und dessen Verenakapelle seit dem Dreißigjährigen Krieg als stilles, verfallenes Gemäuer am Hang steht. Ich war von Landstuhl aus gewandert, zuerst durch Wald, dann über offene Felder, auf der Sickinger Höhe, einer Hochfläche, die an steinernen Zeugen der Vergangenheit reich ist. Rund fünfzig Menhire oder Hinkelsteine kennt man in der Pfalz, und der Lange Stein bei Mittelbrunn gilt als einer der schönsten.
Der Weg zu ihm ist unspektakulär. Von Mittelbrunn aus geht man ein Stück auf einem asphaltierten Weg, dann auf einem Feldweg weiter, noch etwa dreihundert Meter bis zu einem Antennenmast. Vom Asphaltweg aus sieht man den Stein nicht, wie schon ein Radfahrer festgehalten hat, der an ihm vorbeifuhr, ohne ihn zu entdecken. Erst oberhalb des Mastes, mitten im Feld, taucht er auf. Bei meinem Besuch stand dort Weizen, hoch und dicht, goldgelb im Sommerlicht, und mitten darin, weit vom Weg entfernt, ragte eine schmale Gestalt aus dem Getreide, als wäre sie im Feld stehen geblieben, während die Ernte um sie herum wuchs.
Ich bin nicht zu ihm hingegangen. Das Feld war bestellt, der Weizen stand fast mannshoch, und ein Weg durch die Halme hätte bedeutet, die Arbeit eines Landwirts niederzutreten. Der Stein steht auf Ackerland, und das Getreide gehört jemandem, der von ihm lebt. Also blieb ich am Feldweg stehen, nahm die Kamera und fotografierte ihn aus der Ferne, eine kleine, aufrechte Silhouette zwischen den Ähren. Ich fand, dass sich darin etwas Passendes verbarg: Der Menhir hat Jahrhunderte lang inmitten von Pflug und Ernte gestanden, geschützt nicht durch einen Zaun, sondern dadurch, dass man ihn umgeht.
Was ich über den Stein weiß, stammt daher aus den Beschreibungen anderer, und ich möchte das deutlich sagen. Er besteht nach der Wikipedia aus rotem Sandstein, ist etwa 1,76 Meter hoch, 87 Zentimeter breit und nur 45 Zentimeter dick, pfeilerförmig, leicht geschwungen, und läuft in einer abgerundeten Spitze aus. Wer ihn aus der Nähe gesehen hat, berichtet von einem auffälligen Loch an einer Seite und von zahlreichen Ritzungen auf der Oberfläche, darunter leider auch die Initialen von Besuchern, die sich in ihm verewigen wollten. Ich habe das alles nicht selbst gesehen. Ich weiß nur, dass es diesen Stein dort gibt und dass mein Blick auf ihn eine Entfernung von mehreren Dutzend Metern überbrücken musste.
Der Stein befindet sich wohl noch an seinem ursprünglichen Standort. Er steht nördlich von Mittelbrunn auf einem Feld zwischen den höchsten Punkten eines sattelartigen Geländerückens, und hier verlief ein alter Höhenweg, der der Überlieferung nach schon in vorrömischer Zeit bestand. Außerdem lief hier die Grenze zwischen Mittelbrunn und Landstuhl, und als Grenzstein wird er erstmals 1529 erwähnt. Ich stand auf dem Feldweg zwischen den beiden Anhöhen und sah in beide Richtungen den Weg entlang, der heute ein Feldweg ist und einmal eine Straße der Menschen war, die sich zwischen Tälern und Siedlungen bewegten. Es leuchtete mir sofort ein, dass hier ein Stein stand: Ein Zeichen auf einem Sattel, wo der Blick am weitesten reicht, ist dort sinnvoll, wo man den Weg wechselt und die Gegend wechselt.
Wer ihn aufgestellt hat und warum, ist unbekannt. Die Beschreibungen nennen ihn einen Menhir und ordnen ihn der Jungsteinzeit zu, und zugleich war er über Jahrhunderte ein Grenzstein. Beides schließt sich nicht aus. Ich habe auf dieser Reise gelernt, dass ein Stein mehrere Aufgaben nacheinander haben kann, ohne dass eine die andere widerlegt.
Der Antennenmast ragte hinter mir auf, hoch und grau, ein modernes Zeichen an einer Stelle, an der schon sehr lange Zeichen stehen. Ich fand das auf eine nüchterne Weise stimmig: Auch der Mast markiert einen Punkt, an dem man weit sehen kann. Über dem Feld lag der Geruch von trockenem Stroh und warmer Erde, und der Wind bewegte den Weizen in langen, weichen Wellen, die bis zu dem Stein liefen und ihn umspülten wie Wasser einen Pfosten im Fluss. Von Zeit zu Zeit war er zwischen den Halmen ganz zu sehen, dann wieder nur seine Spitze, als tauche er auf und ab.
Mich hat berührt, wie schutzlos und zugleich unberührt er dort steht. Er ist nicht eingezäunt und nicht beschildert, aber das Getreide um ihn herum hält ihn in dieser Jahreszeit auf eine Weise auf Abstand, wie es keine Absperrung könnte. Vielleicht ist das eine Art von Respekt, die sich nicht erklären lässt: Man sieht ihn, man fotografiert ihn, und man lässt ihn stehen.
Als ich ging, stand die Sonne schon tief, und der Stein warf einen langen, schmalen Schatten über das Feld, der als dunkler Streifen durch den Weizen lief. Ich blieb noch einmal stehen und sah zurück. Die Silhouette hob sich gegen den blassen Himmel ab, schlank und ein wenig geneigt, und ich hatte das Gefühl, dass er mir nachsah, so wie er seit langer Zeit allen nachsieht, die auf dem Höhenweg vorüberziehen.