Baden-Württemberg
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Es gibt Landschaften, die ihre Geschichte in einer einzigen Schicht erzählen – und es gibt solche, die man wie ein Palimpsest lesen muss, Zeile über Zeile, Glaube über Glaube, bis man kaum noch sagen kann, wo die eine Verehrung endet und die nächste beginnt. Baden-Württemberg gehört zur zweiten Sorte. Zwischen Schwarzwald, Neckartal und den sanften Hügeln der Schwäbischen Alb liegt ein Land, das von Kelten besiedelt, von Römern überbaut und von christlichen Mönchen neu geweiht wurde – oft an denselben Stellen, als hätte sich die Heiligkeit eines Ortes nie wirklich an eine bestimmte Religion gebunden, sondern nur die Namen gewechselt, die man ihr gab.
Ich habe gelernt, in dieser Region genauer hinzusehen als anderswo. Wo in der Mongolei ein Steinhaufen oder eine Quelle auf den ersten Blick von ihrer Bedeutung erzählt, verbirgt sich das Mystische in Baden-Württemberg oft unter Klostermauern, unter römischen Fundamenten, unter dichtem Buchenwald, der über Jahrhunderte gewachsen ist, um zu verdecken, was einmal offen verehrt wurde. Ein Ringwall, kaum noch als solcher erkennbar. Ein Tempelgrundriss, nur noch als Steinmarkierung im Boden einer Kirchenruine sichtbar. Ein Schacht, tief in den Sandstein getrieben, dessen wahren Zweck die Archäologie bis heute nur vermuten kann. Wer hier reist, reist nicht durch eine einzelne Vergangenheit, sondern durch mehrere zugleich, übereinandergelegt wie die Ringe eines uralten Baumes.
Was mich an diesem Land am meisten fasziniert, ist genau diese Beharrlichkeit des Heiligen – die Weigerung eines Ortes, seine Bedeutung aufzugeben, nur weil sich der Name dessen änderte, dem man dort begegnen wollte. Kelten, Römer, Christen: Sie alle kamen, bauten, beteten, verschwanden wieder – und der Berg, der Wald, der Fels blieb, wartend, bis die nächste Generation ihn erneut für heilig befand. Ich habe an mehr als einem dieser Orte gestanden und gespürt, wie sich unter der jüngsten, sichtbaren Schicht etwas Älteres regte, das keine Mauer, kein Kreuz, kein Weihestein je vollständig zum Schweigen bringen konnte.
Was folgt, sind die einzelnen Fäden dieser badisch-württembergischen Reise – Orte, an denen ich innehielt, um zu lauschen, was unter den Jahrhunderten noch immer atmet.
