Kaiservilla in Konz
Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Trier Saarburg
Konz liegt dort, wo die Saar nach 235 Kilometern in die Mosel mündet, eine Stadt aus Eisenbahnen, Brücken und Weinhängen, und man würde nicht erwarten, dass genau hier einmal die Sommerresidenz eines römischen Kaisers stand. Ich stieg zur Kirche St. Nikolaus hinauf, die auf einer Anhöhe über dem Zusammenfluss thront, und fand an ihrer Seite etwas, das man leicht für einen Rest von Gartenmauer halten könnte: einen gewaltigen Mauerrest aus römischem Ziegel und Mörtel, rund vier Meter hoch. Es ist das, was von einem Frigidarium blieb, dem Kaltwasserbecken der kaiserlichen Badeanlage.
Dieser Palast hieß Contionacum, und er entstand im 4. Jahrhundert, um das Jahr 350, in der heutigen Martinstraße. Kaiser Valentinian I., der von 364 bis 375 regierte, verbrachte hier die Sommermonate, außerhalb der Residenzstadt Trier. Im Jahr 371 unterzeichnete er von Contionacum aus nachweislich mehrere Erlasse, und die Forschung zweifelt längst nicht mehr daran, dass dieser Ort mit dem heutigen Konz gleichzusetzen ist. Ich stand an der Mauer und dachte, dass an dieser Stelle einmal Gesetze entstanden sind, die ein Weltreich lenkten, und dass sie heute neben einem Kirchenparkplatz liegt.
Der römische Dichter Ausonius besingt in seiner „Mosella” die Mündung der Saar in die Mosel „unter erhabenen Mauern”, und man hat diese Verse gern auf den Palast bezogen. Ganz sicher ist das nicht. Die Wendung könnte ebenso die Stadt Trier meinen, und alles hängt am Sinn eines kleinen lateinischen Wortes. Ich fand das merkwürdig tröstlich: Selbst bei einem Kaiserpalast bleibt ein Rest Zweifel, der vom Wort „sub” abhängt.
Wie groß die Anlage einmal war, lässt sich nur noch ahnen. Die Ausgrabungen von 1959 bis 1961, bei denen man beim Bau der neuen Pfarrkirche auf die Reste stieß, legten einen etwa 84 Meter langen und bis zu 42 Meter breiten Baukörper frei, dessen Fronten Säulenhallen besaßen. Beiderseits eines zentralen Apsidenraums von rund 140 Quadratmetern erstreckten sich fast symmetrische Raumflügel mit Höfen, die an ihren Enden vorsprangen. Man fand eine Thermenanlage, Marmorböden, Fußbodenheizungen und farbigen Putz, und die Reste der Heizungen legen nahe, dass der Palast nicht nur im Sommer, sondern das ganze Jahr genutzt wurde. Zu den Funden gehören sogar Fragmente eines Diatretglases, jener kostbaren Gläser mit freigearbeitetem Netzwerk, die im 4. Jahrhundert ein Luxus für Kaiser waren.
Von all dem ist wenig geblieben. Der größte Teil der Anlage wurde beim Bau der Kirche zerstört und überbaut. Ich ging zur Kirche und stieg in die Krypta hinab, wo noch Reste der Portikusvilla mit ihren Eckrisaliten erhalten sind, ein Stück römische Wand unter einem modernen Gewölbe. Es war kühl und still, und die Mauern, kaum höher als meine Schultern, wirkten in dem gedämpften Licht wie das Innere eines Schiffes, das auf Grund gelaufen war. Die Stadt Konz hat 2004 beschlossen, nicht weiter zu graben, sondern die bisherigen Funde zu sichern und mit Mitteln des Landes sichtbar zu machen, um den Konzern ihre römischen Spuren bewusster zu machen. Ich fand das klug: Manches, was nicht ausgegraben wird, bleibt dadurch geschützt.
Auf der Terrasse oberhalb der Mauer öffnet sich der Blick. Unter mir sah ich das Tal der Mosel, die breite, ruhige Saar, die sich in sie ergießt, und die Dächer von Konz. Das ist der Blick, den auch Ausonius beschrieben hat, und der einen Kaiser bewogen haben mag, sich hier niederzulassen. Ich blieb lange stehen. Der Nachmittag ging in den Abend über, das Licht färbte die Flüsse kupfern, und für einen Moment schien die Ziegelmauer hinter mir zu glühen, als hätte jemand das Feuer im Hypokaustum wieder angezündet.
Konz ist, so sagt man, aus dieser Villa entstanden. Als ich ging, kam ich noch am Weißen Wacken vorbei, dem Stein, der auch zu dieser Stadt gehört, und ich dachte, wie viele Schichten sich in diesem Ort überlagern: ein vorrömischer Name, ein Kaiser, eine Kirche, ein Eisenbahnknoten. Der Palast ist verschwunden, aber der Name Contionacum lebt in einem kurzen, harten Wort weiter, das wir Konz aussprechen, ohne zu wissen, dass in ihm ein Kaiser wohnt.