Direkt zum Seiteninhalt

Weiser Wacken - Lyakon

Menü überspringen
Non omnis moriar.
(Horaz)

Weiser Wacken

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Trier Saarburg
Konz liegt dort, wo die Saar in die Mosel mündet, eine Stadt aus Eisenbahnen, Brücken und Weinhängen, in der man nicht unbedingt einen Menhir erwartet. Ich suchte ihn im Stadtteil Berendsborn, an der Einmündung der Hubert-Zettelmeyer-Straße in die Straße Am Berendsborn, und fand ihn nicht an einem abgelegenen Waldweg, sondern mitten zwischen Wohnhäusern, in unmittelbarer Nähe eines Brunnens: den Weißen Wacken. Ein Quarzitblock, 2,05 Meter hoch, 1,40 Meter breit und achtzig Zentimeter tief, hell und schwer, der so selbstverständlich dort steht, als wäre er nie woanders gewesen.

Und genau das ist er nicht. Der Stein hat eine unruhige Geschichte, und sie beginnt mit seinem Namen. Schon 1671 spricht man „bei dem weißen Wack” und „aufm weißen Stein”, und ein Wacken ist, wie im Hochwald, ein großer Felsblock. Der Name könnte von der Farbe des Gesteins stammen, aber auch von einer ganz anderen Funktion: der als Gerichtsstätte. Das Wort Weistum bezeichnet eine mittelalterliche Rechtsquelle, und ich dachte an die Weisensteine der Eifel, die zeigen, wohin man gehen soll. Brunnen und Stein bildeten schon vor mehr als vierhundertfünfzig Jahren die Gerichtsgrenze zwischen den Ämtern Pfalzel und Saarburg. Der Bernhardsbrunnen, der Berendsborn, gab dem 1949 gegründeten Stadtteil seinen Namen, und so hat der Stein dem Ort buchstäblich seine Grenze gegeben, ehe es den Ort gab.

Ursprünglich stand er unmittelbar in Konz, rund fünfhundert Meter östlich der Saar. Dann, im Jahr 1912, entfernte man ihn und stellte ihn in dem neu angelegten Kaiserwäldchen östlich von Konz auf, aus Anlass des 25-jährigen Thronjubiläums Kaiser Wilhelms II. Auf der Rückseite sieht man heute noch unten die Reste der Halterung einer Bronzeplakette, die man damals anbrachte. Ein vorgeschichtlicher Stein, vermutlich Jahrtausende alt, wurde also zum Denkmal für einen Kaiser gemacht, so wie andere Steine zu Gedenksteinen für Forstmeister oder zu Türpfosten. Es ist immer wieder dieselbe Geste: Man nimmt den Stein, weil er schon da ist und etwas ausstrahlt, und schreibt ihm eine neue Geschichte ein.

Das Kaiserwäldchen verwilderte, und mit ihm der Stein. Er stand in einem Gehölz, das niemand mehr pflegte, die Plakette war verschwunden, und der Kaiser, dem er gewidmet war, schon lange abgedankt. Im Jahr 2002 holte man ihn schließlich zurück. Man setzte ihn wieder an seinen ursprünglichen Standort in Konz, an die Straße, neben den Brunnen, wo er hergehört. Ich fand das auf eine stille Weise schön: ein Stein, der hundert Jahre in der Fremde verbracht hat und nun wieder an der Grenze steht, die er einst markierte.

Ich legte die Hand auf seine Oberfläche. Der Quarzit ist kühl und von feinen, hellen Flächen durchzogen, an manchen Stellen glatt, an anderen rauh, und wo die Sonne darauf fällt, glänzt er matt wie ein Stück Mondlicht. Hinter mir plätscherte der Brunnen, und von der Straße kam das ferne Geräusch eines Zuges. Es ist ein merkwürdiger Ort für einen Menhir, zwischen Vorgärten, Verkehrsschildern und dem Murmeln des Wassers, und gerade das machte seine Gegenwart für mich so deutlich. Er hatte alle Auftritte überstanden, den Kaiser, das Gestrüpp, den Umzug, und stand noch immer da, hell und gerade.

Ob der Weiße Wacken tatsächlich ein Menhir aus der Jungsteinzeit ist oder ein Stein, den man erst später aufgestellt hat, kann ich nicht beweisen. Er hat vieles gewesen: Grenzstein, Gerichtsstein, Kaiserdenkmal. Aber ich habe an diesem Nachmittag gelernt, dass ein Stein nicht zwingend nur eines sein muss. Er kann alles sein, was die Menschen aus ihm gemacht haben, und doch derselbe bleiben.

Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Der Brunnen glitzerte, der Stein stand schweigend daneben, und für einen Augenblick schien mir, als hätten die beiden ein Gespräch geführt, das ich unterbrochen hatte.

Zurück zum Seiteninhalt