Wildfrauenhöhle bei Güdesweiler
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Güdesweiler liegt im Sankt Wendeler Land, ein Ortsteil von Oberthal, umgeben von Wäldern, Mooren und Hügeln, die Leißberg, Momberg und Scheuerberg heißen. Ich folgte dem Rötelsteinpfad, einem Wanderweg, der ins junge Nahetal und über das Land blickt, und ging am Südhang des Leißbergs aufwärts, bis zwischen den Bäumen ein heller, ausgewaschener Fels auftauchte, der einem überdachten Unterschlupf gleicht. Es ist die Wildfrauenhöhle, ein Naturdenkmal, nur wenige Minuten von der Teufelskanzel entfernt und doch so still, als läge sie am Ende der Welt.
Die Höhle ist keine tiefe Kammer, sondern ein Stein, den Wind und Wasser über Jahrmillionen ausgespült haben. Sie liegt in groben, geröllführenden Sandsteinen, einem Konglomerat, das vor etwa 275 Millionen Jahren entstand. Ich trat unter den überhängenden Fels und sah, wie die Kieselsteine in der Wand stecken wie Rosinen in einem alten Brot, rundgewaschen, braun und grau und rötlich. Der Sandstein um die Höhle ist ungewöhnlich fest, weil Kieselsäure ihn verfestigt hat. Dadurch ist er als harte Felspartie aus seiner weicheren Umgebung herausmodelliert worden, und die Form der Höhle selbst haben die weniger verfestigten Teile geschaffen, die die Verwitterung ausgehöhlt hat. Es gibt etwas Tröstliches daran, dass ein Schutzraum aus dem entsteht, was dem Wetter nachgab.
Und dann die Sage, die diesem Ort ihren Namen gab. Sie hat mehrere Gesichter. Die bekannteste erzählt von einer Seherin, die hier lebte und einem Reisenden, dem Eremiten Johann Nonninger, der sich auf dem Rückweg von Rom befand, riet, am Gutenborn, der nahen Bergquelle, eine Kapelle zu errichten. Nonninger folgte dem Rat. Die Valentinskapelle, die er der Überlieferung nach 1761 bis 1764 baute, steht noch heute bei Güdesweiler. Er soll, so erzählt man, früher Schiffer in Koblenz gewesen sein und am Ertrinken eines Jungen Schuld getragen haben, und der Bau der Kapelle sei seine Sühne gewesen. Ein Wanderer fasste es augenzwinkernd zusammen: Schon zu jenen Zeiten habe man dem Weib nicht widersprochen.
Eine andere Fassung kennt zwei Frauen, die hier als Einsiedlerinnen lebten. Wer sie waren, erzählt die Sage nicht, nur dass sie sich in den Fels zurückgezogen haben, so wie es die Frauen und Männer, die in anderen Höhlen dieser Reise Zuflucht suchten, auch taten. Ich stellte mir die beiden vor, wie sie bei Regen unter dem Überhang saßen, schweigend, mit dem Rücken an der kühlen Wand und dem Blick auf den Wald. Und es gibt noch eine dritte Erzählung, die ich nur am Rand höre und nicht verbürgen kann, nach der hier eine Frau lebte, die von den Dorfbewohnern vertrieben wurde, weil man ihr Hexerei nachsagte. Solche Geschichten tauchen an vielen Höhlen auf, und sie sagen weniger über die Frau als über die Menschen, die sie davonjagten.
Die Wilden Frauen sind überhaupt eine alte Gestalt in den Sagen unseres Landes: Frauen des Waldes, die zwischen Menschen und Natur stehen, heilend und furchteinflößend zugleich, die man fürchtet und um Rat bittet. Dass eine Seherin einem Wanderer den Ort für eine Kapelle weist, passt in dieses Bild, und dass sich die Kirche den Rat der Wilden Frau gefallen ließ, auch. Ich glaube, die Sage erzählt, was an so vielen Orten geschehen ist: Der Wald hat eine Stimme, und die Kirche baut dort, wo sie sagt.
Die Valentinskapelle selbst hat eine eigene kleine Welt um sich. Wer zum Guten Brunnen wallfahrte, trank dreimal aus der Quelle, setzte die schwere eiserne Krone auf, die im Kirchlein aufbewahrt wurde, und gab dem Einsiedler, der im Vorraum wohnte, ein Geschenk. Nach der Volkssage finden Mädchen im heiratsfähigen Alter bald einen Mann, wenn sie den vorgelagerten Stein am Guten Brunnen betreten. Der Name Valentin, der Patron der Liebenden, passt dazu. Einer Legende nach soll schon im Jahr 600 am Fuß des Leißbergs eine Klause gestanden haben, und die Wildfrauenhöhle würde dann zu einer sehr alten Reihe von Rückzugsorten gehören.
Über der Höhle liegt die Teufelskanzel, ein Naturdenkmal im Moor, wo der Beelzebub sein Unwesen getrieben haben soll, und unter ihr, in mondhellen Nächten, geht, wie man sich erzählt, ein römischer Wiedergänger um, der legendäre Statthalter Rictius Varus. Es ist ein Hang der Geister, und die Wilde Frau scheint darin die Einzige zu sein, die wohlmeinend ist.
Ich setzte mich unter den Überhang, den Rücken am rauen Konglomerat, und blickte hinaus. Vom Fels aus öffnet sich eine weite Aussicht über Güdesweiler ins St. Wendeler Land. Es war still, bis auf den Wind in den Buchen, und das Licht fiel in schmalen Bahnen durch die Äste auf den Boden. Der Stein war kühl und trocken, und ich hatte, wie in so vielen Höhlen, das Gefühl, nicht allein zu sein, ohne dass mich jemand beobachtete. Wenn hier eine Seherin gelebt hat, dachte ich, dann hat sie genau dieses getan: geschaut.
Als ich aufbrach, drehte ich mich noch einmal um. Die Höhle lag im Halbdunkel unter ihrem Felsdach, ein dunkler Mund im hellen Stein, und ich hatte das Gefühl, dass sie das, was sie zu sagen hatte, schon lange gesagt hatte und bereit war, es noch einmal zu sagen, falls jemand fragte.