Taneka - Dorf der Fetischpriester
Reisen > Benin
Es gibt Dörfer, die man nicht einfach betritt, man steigt zu ihnen hinauf. Taneka liegt an den Hängen des gleichnamigen Bergs im Atakora-Gebirge Nordbenins, eine Ansammlung runder Lehmhütten mit kegelförmigen Strohdächern, jedes gekrönt von einem irdenen Topf, der wie ein blindes Auge in den Himmel starrt. Man erreicht das obere Dorf erst nach einem Aufstieg, der die Beine mahnt, dass man hier zu Gast ist – und nicht mehr.
Die Taneka, auch Tangba genannt, gelten als eines der Völker, die am tiefsten in der animistischen Tradition Westafrikas verwurzelt geblieben sind. Ihre Geschichte ist eine Geschichte der Zuflucht: Schon im neunten Jahrhundert sollen die ersten Siedler hier hinaufgezogen sein, und über die Jahrhunderte folgten ihnen weitere Gruppen – Menschen, die den Sklavenjägern aus dem Süden entkamen und der vordringenden Islamisierung aus dem Norden auswichen, indem sie sich in diese Höhlen und Berghänge zurückzogen. Hier, fernab der Ebene, formten sie ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen Riten, ihre eigene Nähe zu dem, was zwischen den Welten wohnt. Ein Dorf, das eigentlich viele Dörfer ist – jedes mit eigenem politischem Oberhaupt, eigenem spirituellem Führer, eigenen Schreinen.
Im oberen Teil des Dorfes leben die Fetischpriester, bekleidet mit nichts als einem Ziegenfell, eine lange Pfeife stets zur Hand, deren Rauch sich träge in die Nachmittagsluft hob, als ich zum ersten Mal unter ihnen stand. Sie sind Hüter eines Wissens, das nicht aufgeschrieben, sondern weitergeatmet wird, von Generation zu Generation – Hüter der Initiationsriten, denen die jungen Männer des Dorfes unterzogen werden, ein Prozess, der Jahre dauert und, wie man mir sagte, ein ganzes Leben prägt.
Sie führten mich zu zwei Orten, die ich seither nicht vergessen habe. Der erste war eine kleine, fensterlose Lehmhütte am Rand des Dorfes, kaum größer als ein Verschlag, deren Eingang mit getrocknetem Gras und Federn behängt war. Eine Geisterhütte, sagten sie, ein Ort, an dem die Ahnengeister wohnen und mit den Lebenden in Verbindung bleiben – kein Ort, den man ohne Erlaubnis betritt, kein Ort, an dem man länger verweilt, als die Höflichkeit es verlangt. Ich stand davor und spürte, wie sich die Luft vor dem dunklen Eingang anders anfühlte als die Luft dahinter – dichter, wacher, als hielte etwas in diesem winzigen Raum den Atem an, nur um mich zu mustern.
Der zweite Ort war ein Baobab. Er stand am Rand eines steinernen Geländes, sein Stamm so massig, dass ich ihn mit ausgestreckten Armen nicht hätte umfassen können, seine kahlen, wurzelartigen Äste griffen in den Himmel, als wachse der Baum verkehrt herum aus der Erde. Um seinen Stamm war ein weißes Stoffband geschlungen, verwittert, an manchen Stellen zerfranst vom Wind vieler Trockenzeiten – das Zeichen, dass dieser Baum kein gewöhnlicher Baum mehr war, sondern geheiligt, ein Sitz von etwas, das älter ist als das Dorf selbst. In vielen Kulturen Westafrikas gilt der Baobab als Wohnstätte von Geistern, als Grenzpfahl zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Ahnen; das weiße Band macht diese Grenze sichtbar, markiert sie für jeden, der vorübergeht, damit er weiß: Hier senke die Stimme. Hier gehst du vorsichtig.
Ich berührte den Stamm nicht. Ich stand nur da, während die Nachmittagssonne durch das gitterartige Geäst fiel und Muster auf den staubigen Boden warf, die sich mit jedem Windstoß verschoben wie eine Schrift, die sich weigerte, stillzuhalten. Einer der Priester bemerkte mein Schweigen, lächelte kurz um die lange Pfeife herum und sagte etwas, das mir ein Begleiter später übersetzte: Der Baum höre alles, was am Fuß seines Stammes gesprochen werde, und vergesse nichts.
Als ich Taneka verließ, den Berg wieder hinabstieg in die Ebene, aus der ich gekommen war, trug ich etwas mit mir, das schwerer wog als jedes Souvenir – das Wissen, dass es Orte gibt, die sich nicht erschließen, sondern nur dulden, dass man sie betritt. Die Geisterhütte, der weiß umwundene Baobab, das Rascheln der Pfeifen im Oberdorf: Sie alle gehören zu einer Welt, die weiterlebt, ganz gleich, ob wir hinsehen oder nicht. Und wenn ich seither von Orten schreibe, an denen die Grenze zwischen den Welten dünn wird, kehre ich in Gedanken immer wieder zu jenem Baum zurück – und zu dem Gefühl, beobachtet, aber nicht unwillkommen gewesen zu sein.