Weissenstein Prüm
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Es gibt Steine, die man für ihr Alter besucht, und Steine, die man für ihre Erinnerung besucht. Der Weissenstein bei Prüm, auch Schloßhecker Menhir genannt, ist beides, und gerade das macht ihn so schwer zu fassen. Ich erreichte ihn an einem grauen Nachmittag, als die Eifel ihre Hügel in Dunst hüllte und die Wiesen vom Regen der letzten Tage glänzten. Er steht dort, ein Langer Stein, unscheinbar im Gelände, und wer ihn nicht kennt, würde ihn für einen Markstein halten.
Ursprünglich, so heißt es, stand der Stein etwa drei Kilometer südlich von Prüm im Gewann Schloßheck, und daher kommt sein zweiter Name. Wie alt er ist und wer ihn aufrichtete, weiß man nicht. Man kennt solche Steine in der Eifel auch als Weisensteine, abgeleitet von „weisen”, also zeigen, und ich fand es berührend, dass ein Name so genau beschreiben kann, was einem Stein zugedacht war: etwas zu weisen, den Weg, die Grenze, vielleicht auch eine Richtung in die Vergangenheit. Eine Informationstafel an einem anderen Eifelstein nennt solche Langsteine Gottessteine, Gedenksteine, Opferstätten oder Wegweiser, und ich glaube, dass sie damit nicht unrecht hat. Ob der Name Weissenstein auf diese Wurzel zurückgeht oder auf die Farbe des Gesteins, kann ich nicht sagen. Beides erscheint mir möglich.
Doch das, was diesen Stein am meisten auszeichnet, hat mit der Jungsteinzeit nichts zu tun. Im Jahr 1933 wurde an ihm eine Gedenktafel angebracht, die an fünf Männer aus der Gegend erinnerte: Matthias Meyer aus Lissendorf, Thiery Link aus Feusdorf, Michel Heintz und Matthias Billen aus Landscheid und Thiery Laurens aus Bewingen. Sie hatten sich der Einziehung in die französische Armee unter Napoleon widersetzt und wurden am 23. Januar 1810 erschossen. Die Inschrift sprach von Treue zum Vaterland und von der Freiheit der Heimat. Ein Stein, der wohl schon Jahrtausende zuvor jemandem etwas zeigte, wurde so zum Träger eines ganz anderen Gedächtnisses, jener fünf Namen.
Von dieser Tafel ist, wie andere Besucher festgehalten haben, nichts mehr zu sehen. Sie soll nach dem Zweiten Weltkrieg von der französischen Besatzungsmacht entfernt worden sein und wartet seither auf Ersatz. Die heutige Informationstafel, so heißt es, ersetze sie nicht. Ich stand vor dem Stein und suchte nach der Stelle, an der die Tafel gehangen haben mag, und fand nur die glatte, kühle Fläche, auf die sich das Moos gelegt hat. Es war ein seltsames Gefühl, vor einem Gedenkort zu stehen, an dem das Gedenken fehlt. Und gerade dadurch wurde der Stein für mich lauter, als er es mit Inschrift gewesen wäre.
Ich weiß nicht, was die Menschen vor Jahrtausenden bei diesem Stein suchten, und ich weiß auch nicht, ob die fünf Männer von 1810 je an ihm standen. Aber ich spürte, dass an diesem Ort zwei sehr verschiedene Arten von Erinnerung aufeinandertreffen, eine, die bis ins Unbekannte zurückreicht, und eine, die genau benannt ist und doch zu verschwinden droht. Beide brauchen einen Träger, und der Stein ist geduldig genug, beide zu tragen.
Als ich ging, begann es leicht zu regnen, und die Tropfen liefen über die Oberfläche des Steins, über die Stelle, wo einst die Namen standen. Ich legte kurz die Hand dorthin, ohne zu wissen, warum, und dachte an die fünf Männer aus Lissendorf, Feusdorf, Landscheid und Bewingen. Manche Steine zeigen den Weg. Dieser hier zeigt, dass ein Weg nicht nur nach vorn führt, sondern auch zurück zu denen, die ihn einmal gegangen sind.