Vodun Festival 2023
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Es gibt einen Tag im Jahr, an dem ein ganzes Land seine Toten offen zu Wort kommen lässt. Der zehnte Januar. In Benin ist er kein bloßer Feiertag, sondern eine Art nationaler Atemzug – der Tag, an dem sich die Küstenstadt Ouidah, einst einer der größten Umschlagplätze der transatlantischen Sklaverei, in das pulsierende Herz einer Religion verwandelt, die weder verschwunden noch versteckt geblieben ist: Vodun.
Ich kam 2023 nach Ouidah, ohne recht zu wissen, was mich erwartete, nur mit dem vagen Wissen, dass hier, wo einst Menschen durch die „Pforte der Nichtwiederkehr" zu den Sklavenschiffen getrieben wurden, seit 1996 alljährlich das Gegenteil zelebriert wird: Rückkehr, Erinnerung, Verbindung. Vodun – das Wort bedeutet in den Sprachen der Fon und Ewe schlicht „Geist" – wurde einst von der französischen Kolonialmacht unterdrückt, später von einer marxistischen Regierung als rückständiger Aberglaube verboten; erst mit der demokratischen Wende erhielt der Glaube seine Würde zurück, staatlich anerkannt, mit einem eigenen Feiertag, an dem das Land nicht mehr verbirgt, was Jahrhunderte lang im Verborgenen weiterlebte.
Schon Tage vor dem eigentlichen Fest lag eine spürbare Erwartung über der Stadt, ein Summen unter der Oberfläche des Alltags, das sich mit jedem Sonnenuntergang verdichtete. Kleine Zeremonien begannen bereits am achten und neunten Januar in den zahlreichen Vodun-Schreinen und Klöstern der Stadt, Trommeln, die aus schmalen Gassen drangen, Gesänge, die durch offene Türen wehten, als probe die ganze Stadt für etwas, das größer war als jeder Einzelne von ihnen.
Am zehnten selbst verwandelte sich Ouidah vollständig. Aus den Vodun-Konventen, jenen abgeschlossenen Klosterbezirken, in denen Anhänger jahrelang in Riten und Geheimwissen eingeführt werden, traten Gläubige heraus, gehüllt in kunstvolle, geistergleiche Gewänder, die den jeweiligen Vodun verkörperten, dem sie dienten. Ich sah Zangbeto – wandelnde Strohkegel, gedeutet als Wächter der Nacht, die sich drehten und wirbelten, während niemand recht erklären wollte, was oder wer sich wirklich unter dem Stroh verbarg – und Egungun, deren Stoffbahnen im gleißenden Küstenlicht flatterten, während sie auf jeden zusprangen, der zu nah heranwagte, begleitet von einem Gebrüll und Gelächter der Menge, das Furcht und Freude auf eine Weise vermischte, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte.
Die Prozession bewegte sich vom Stadtzentrum hinunter zum Strand, dorthin, wo einst die Schiffe warteten, und ich ging mit, eingekeilt zwischen Trommlern, Priestern, Würdenträgern in traditioneller Tracht und Nachfahren der Diaspora, die aus Haiti, Brasilien, den Vereinigten Staaten angereist waren, um an genau diesem Ufer eine Herkunft zu suchen, die ihnen einst gewaltsam genommen worden war. Eine Frau neben mir, mit Tränen in den Augen, die sie nicht wegwischte, sagte nur, sie sei hier, um sich mit der Mutter Erde zu verbinden. Ich glaubte ihr sofort.
Als die Dämmerung über den Strand fiel und die Trommeln lauter wurden, begannen an mehreren Stellen zugleich die Trancezeremonien – Gläubige, die von ihrem jeweiligen Vodun in Besitz genommen wurden, ihre Bewegungen ruckartig, fremd, während die umstehende Menge sie mit einer Mischung aus Ehrfurcht und vertrauter Selbstverständlichkeit umringte, als sei das Übernatürliche hier nichts, wovor man sich fürchten müsse, sondern etwas, das man begrüßt wie einen alten Verwandten, der nur selten zu Besuch kommt. Das Meer dahinter lag schwarz und unbeeindruckt, dieselben Wellen, die einst die Schiffe hinausgetragen hatten, schlugen nun gegen denselben Sand, auf dem Trommeln und Gesänge die Erinnerung an das wachhielten, was man ihm einst hatte nehmen wollen.
Ich stand lange am Rand dieses Gemisch aus Klang und Bewegung, bis tief in die Nacht, während Raketen und Trommelfeuer sich zu einem einzigen, ununterscheidbaren Puls verdichteten, und dachte, dass ich selten einen Ort erlebt hatte, an dem Trauer, Trotz und Feier so untrennbar miteinander verwoben waren. Vodun, so begriff ich in dieser Nacht, ist kein Relikt und keine Show für Reisende. Es ist eine offene Wunde, die tanzt – und die, gerade weil sie tanzt, nicht vergisst.
Als ich am nächsten Morgen den Strand von Ouidah noch einmal allein aufsuchte, lagen dort nur noch Asche, verwehte Federn und die Abdrücke unzähliger Füße im Sand, bereits von der ersten Brandung geglättet. Und doch – oder gerade deshalb – hatte ich das Gefühl, dass das, was in dieser Nacht gerufen worden war, den Strand nicht verlassen hatte. Es wartet dort, Jahr für Jahr, auf den zehnten Januar, an dem man es wieder ruft.