Menhir von Zerf
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Auf dem Weg zum Kultplatz von Zerf, wenige hundert Meter südlich von Kalfertshaus, liegt ein Stein, an dem man leicht vorbeigeht. Er trägt in der Dokumentation den nüchternen Namen Zerfer Menhir 2, und seine Geschichte ist die traurigste, die ich auf meiner Reise durch die Steine des Hochwalds gehört habe. Man erreicht ihn von Kalfertshaus aus zu Fuß, genau nach Süden, zuerst am Waldrand entlang, dann durch ein Gittertor. Etwa hundert Meter hinter dem Tor, auf dem sehr matschigen Waldweg, liegt er rechts am Rand, oder vielmehr das, was von ihm übrig ist.
Zerf selbst weist stolz auf seine frühe Geschichte hin. Steinbeile und ein Menhir, ein sogenannter Kultstein, deuten auf Menschen der jüngeren Steinzeit hin, auf Siedler also, die vor etwa sechstausend Jahren in dieser Gegend lebten. Dieser Stein, die Flur heißt Kreck, wird in die Vor- und Frühgeschichte eingeordnet, und er wurde einmal ganz fotografiert. Ein Schwarzweißbild, spätestens 1980 aufgenommen und in einer Heimatschrift über den Hochwaldort Zerf veröffentlicht, zeigt den ganzen, aufrechten Stein. Ich stand davor und verglich die Erinnerung an dieses Bild mit dem, was ich sah, und es war, als stünde ich an einem Grab, dessen Inschrift man teilweise abgekratzt hatte.
Denn Anfang des Jahres 2003 hat jemand den Stein in der Mitte durchgesägt und einen Teil für seinen Vorgarten mitgenommen. Ich versuchte mir das vorzustellen: das Kreischen der Säge im stillen Wald, die Mühe, einen so schweren Block zu zerteilen, den Moment, in dem ein Teil davon auf einen Anhänger gehoben wurde. Auf den Hinweis eines Nachbarn brachte der Mann die Hälfte schließlich zurück, und seither liegt sie, wie es in der Beschreibung heißt, recht unmotiviert schräg auf dem Teil, der an Ort und Stelle geblieben war. Das Stück wirkt, als hätte man ein Möbel zurückgestellt, nicht ein Heiligtum.
Und selbst das ist nicht alles. Die beiden Teile zusammen ergeben noch nicht das Original, vermutlich hat sich zwischenzeitlich jemand anderes bedient. Ein Stück des Steins ist also für immer verloren, vielleicht als Gartendekoration, vielleicht als Baumaterial, vielleicht einfach als Brocken, der irgendwo im Boden liegt, ohne dass jemand ahnt, was er war. Die Dokumentation merkt bitter an, dass die Gemeinde keinerlei Beschilderung am Stein angebracht hatte, sodass die Täter keine Chance hatten zu wissen, dass sie hier ein vorgeschichtliches Denkmal zerstören. Das ist, so scheint mir, kein Entschuldigungsgrund, aber ein Hinweis darauf, wie wenig ein unbeschilderter Stein im Wald gegen Gleichgültigkeit ausrichten kann.
Ich kniete mich neben die beiden Teile und fuhr mit der Hand über die Schnittfläche. Sie ist glatt und gerade, wie ein Schnitt in Holz, und das ist das Befremdlichste daran: Alles andere an diesem Stein ist verwittert, rund und alt, und diese eine Fläche ist neu und scharf. Die Natur hatte Jahrtausende gebraucht, um ihn zu formen. Ein Mensch brauchte, vermutlich, einen Nachmittag.
Dabei hat die Geschichte des Steins, wenn man so will, auch etwas Tröstliches. Er hat so viel überstanden: Zeit, Wetter, Vergessen. Und selbst dieser Eingriff hat ihn nicht ganz ausgelöscht. Er liegt noch da, in zwei Teilen, an dem Weg, an dem er vermutlich schon lag, als es hier noch keine Gemeinden und keine Grenzen gab. Wer ihn heute besucht, sieht einen beschädigten Stein, und vielleicht ist das sogar ehrlicher als ein ganzer: Er zeigt, was Menschen mit dem Alten tun, wenn sie es nicht kennen.
Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Der schräg aufliegende Teil schimmerte im feuchten Licht, und ich nahm mir vor, bei jedem Stein, den ich künftig besuche, nicht nur nach seiner Geschichte zu fragen, sondern auch danach, wer auf ihn aufpasst.