Klapperstorchstein auf dem Schaumberg
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Der Schaumberg ragt 568 Meter hoch über Tholey auf, und er heißt der Hausberg des Saarlandes, weil er sich so deutlich vom Umland abhebt. Schon der Ortsname erzählt davon: Tholey bedeutet das Dorf am herausragenden Felsen. Der Berg trägt ein dunkles, dichtes Magmagestein, den Tholeyit, dessen Name auf diesen ersten Fundort zurückgeht, und sein Plateau war seit gallorömischer Zeit besiedelt, vermutlich mit einem Höhenheiligtum. Ich ging von Tholey aus hinauf, auf einem Forstweg, der sich in Kehren durch den Wald zieht, bis kurz unterhalb des Schaumbergturms etwas den Weg versperrte: ein mächtiger Fels, der mitten im Pfad steht.
Das ist der Klapperstorchstein, der auch Keltenstein oder Opferstein heißt. Ein Wanderführer beschreibt ihn als einen etwa zwei Meter hohen Monolithen aus Melaphyr, der offensichtlich von Menschenhand bearbeitet wurde, und das Schildchen daneben nennt ein geologisches Alter von 250 Millionen Jahren. Ich stand davor und sah einen dunklen, kantigen Block, rau und grau im Schatten der Bäume, mit Moos an den Flanken und einer Oberfläche, die sich im Gegenlicht wie Rinde anfühlte. Ob er wirklich bearbeitet wurde, konnte ich nicht entscheiden. Ein Stein dieser Größe auf einem Weg zieht den Blick auf sich, ob er nun aufgestellt wurde oder nur liegen blieb.
Die Beschreibungen verbinden ihn mit den Kelten, die im siebten Jahrhundert vor Christus aus dem Osten in diese Gegend kamen. Ein keltischer Fürstengrabhügel bei Theley erinnert an sie, und der Stein soll als Opferstein gedient haben, ein Kultplatz auf dem Berg. Ich möchte das weitergeben, aber nicht bestätigen: Die Verbindung zu den Kelten ist eine Überlieferung, kein Befund. Und doch passt sie zu einem Berg, der so offensichtlich ein Ort der Verehrung war.
Der Name führt in eine andere Richtung, in die der Sage. Der ursprünglich keltische Opferstein, so erzählt man sich, diente später als Pilgerstätte für Eltern, die gern mehr als ihr erstes Kind gehabt hätten. Hatten sie bereits ein Mädchen, musste dieses zweimal um den Stein laufen und dabei singen: „Klapperstorch du Guter, bring mir einen Bruder.” Die Jungen mussten sogar dreimal um den Stein laufen und dabei rufen: „Klapperstorch du Bester, bring mir eine Schwester.” Je nachdem, wie oft man um den Stein lief, bestimmte man, so heißt es, das Geschlecht des erwünschten Kindes. Bis vor nicht allzu langer Zeit, so erzählt man, wurden die Kinder hierhin geschickt, die sich ein Geschwisterchen wünschten.
Ich fand diese Geschichte unendlich zärtlich. Ein Kind, das vor einem Felsen im Wald im Kreis läuft und singt, weil es sich nichts mehr wünscht als einen Bruder oder eine Schwester: Das ist kein heidnisches Opfer und keine große Magie, sondern etwas ganz Kleines und Menschliches. Der Storch, der die Kinder bringt, hat hier einen Stein zum Verbündeten, und die Eltern, die ihre Tochter oder ihren Sohn losschicken, vertrauen darauf, dass ein altes Ding im Wald mehr Macht hat als sie selbst. Solche Steine gibt es auch anderswo, man nennt sie Kindsteine, und sie haben etwas gemeinsam: Sie sind Orte, an denen Menschen ihre Hoffnung für die Familie an etwas Dauerhaftes binden.
Ich sah mir den Boden um den Stein an, den festgetretenen Pfad, der in einem Bogen um ihn herumführt, und fragte mich, ob sich in dieser Erde noch Spuren von Schritten erhalten hatten, von Kinderschritten in schweren Schuhen, die zweimal oder dreimal um den Block gelaufen waren. Man kann sich leicht vorstellen, dass der Weg einmal wegen dieses Brauchs ausgetreten wurde. Über mir, durch die Baumkronen, sah man den Turm, und unter mir lag, wenn man zurückblickte, das Land bis in den Hunsrück, so weit, dass man die Dörfer nicht mehr unterschied.
Es war ein stiller Nachmittag, und der Wald roch nach Harz und feuchtem Laub. Der Stein stand reglos im gedämpften Licht, und ich dachte, dass er mit seinen zweihundertfünfzig Millionen Jahren, seinen Kelten und seinen Kindern wohl der Einzige ist, der nicht fragt, ob jemand an ihn glaubt. Er war einfach da, und wer um ihn herumging, tat es freiwillig.
Als ich weiterging, drehte ich mich noch einmal um. Der Fels lag im Dämmer zwischen den Bäumen, dunkel und schwer, und für einen Augenblick kam mir die Stille um ihn herum vor wie das Atemholen vor einem Lied.