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Besessenheit einer Vodun Tänzerin - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Besessenheit einer Vodun Tänzerin

Reisen > Togo
Manche Türen öffnen sich nicht, weil man an sie klopft. Sie öffnen sich, weil das Schicksal einen genau in dem Moment an ihnen vorbeiführt, in dem sie ohnehin aufspringen wollten. So geschah es mir in einem kleinen Dorf im Süden Togos, dessen Namen ich hier bewusst nicht nenne – manche Orte verdienen ihre Anonymität, gerade weil sie einen Fremden so weit in ihr Inneres blicken ließen.

Ich war nur auf der Durchreise, als die Trommeln begannen. Ein dumpfes, rhythmisches Pochen, das sich durch die Hitze des späten Nachmittags fortpflanzte wie ein zweiter Puls unter der Haut des Dorfes. Vodun – das Wort selbst bedeutet in den Gbe-Sprachen dieser Region schlicht „Gottheit" oder „Geist" – ist hier keine Folklore für Touristen, sondern gelebter Alltag, eine der ältesten ununterbrochenen Glaubenstraditionen Westafrikas, in der Ahnen, Naturgeister und Gottheiten in ständigem Austausch mit den Lebenden stehen. Die Männer des Dorfes, die mich bemerkten, wie ich am Rand des Platzes stehen blieb, berieten sich kurz, in einer Sprache, die ich nicht verstand, und dann trat einer von ihnen auf mich zu und bedeutete mir zu warten. Nicht jeder Fremde darf einer solchen Zeremonie beiwohnen. Die Gottheit selbst musste zuerst gefragt werden.

Was folgte, war ein Ritual, das ich bis heute in allen Einzelheiten vor mir sehe. Ein Mann, offenbar mit priesterlicher Autorität ausgestattet, kniete sich vor mir in den Staub, ein kleines Häufchen schwarzen Schießpulvers vor sich auf dem Boden. Er sprach Worte, die wie eine Anrufung klangen, murmelnd, mit gesenktem Kopf, während die Umstehenden verstummten und selbst die Trommeln für diesen Moment innehielten. Dann entzündete er das Pulver.

Ein kurzes, greller Blitz, ein trockenes Zischen, ein Rauchfähnchen, das sich kräuselnd in die reglose Nachmittagsluft hob – und in der Art, wie die Flamme aufloderte, wie der Rauch sich bewegte, ob er sich nach rechts oder links neigte, schnell verflog oder zögernd verharrte, las der Priester die Antwort der Gottheit. Ich verstand die Zeichen nicht, aber ich verstand die Stille danach, das kollektive Ausatmen der Umstehenden, den Blick, den der Priester mir zuwarf, bevor er nickte. Die Gottheit hatte mich zugelassen.
Man führte mich näher an den Platz heran, wo bereits ein Kreis aus Frauen in farbenfroh gemusterten Gewändern Aufstellung genommen hatte. Die Trommeln setzten wieder ein, zunächst getragen, dann drängender, und die Frauen begannen sich zu bewegen – nicht choreografiert im westlichen Sinn, sondern in einem Fluss, der sich mit jedem Schlag der Trommel steigerte, ihre Füße den Staub in kleinen Wolken aufwirbelnd, ihre Oberkörper sich wiegend wie Schilf im Wind, der noch nicht da war.

Ich weiß nicht genau, wann es geschah. Eine der Frauen, vielleicht die mittlere von dreien, deren Bewegungen bis dahin den anderen geglichen hatten, begann sich zu verändern. Ihr Tanz wurde eckiger, ruckartiger, ihre Augen, die ich für einen Moment sah, waren nach oben verdreht, als suchten sie etwas, das über dem Dorf schwebte. Die anderen Frauen wichen instinktiv einen Schritt zurück, bildeten einen weiteren Kreis um sie, während zwei ältere Frauen näher traten, bereit, sie aufzufangen, sollte sie fallen. Sie fiel nicht. Sie tanzte weiter, aber es war, als tanze nicht mehr sie – ihre Bewegungen gehörten plötzlich jemand anderem, einer Kraft, die durch sie hindurch griff und ihren Körper wie ein geliehenes Instrument bewegte.

Im Vodun-Glauben gilt ein solcher Moment nicht als Krankheit oder Kontrollverlust, sondern als höchste Ehre: Die Gottheit „reitet" den Menschen, nimmt ihn für die Dauer der Trance in Besitz, um durch ihn zu sprechen, zu tanzen, zu handeln. Ich stand am Rand dieses Kreises, die Trommeln noch immer in meiner Brust nachhallend, und spürte, wie sich die Luft um mich verdichtete, elektrisch beinahe, als hätte der Rauch des Schießpulvers, das man für mich entzündet hatte, eine Tür offengelassen, die sich nun langsam auf mich zu bewegte.

Die Besessene – ich weiß keinen besseren Begriff für das, was ich sah – stieß Laute aus, die keiner Sprache glichen, die ich kannte, und doch schien jeder im Dorf genau zu verstehen, was sie bedeuteten. Der Priester trat zu ihr, sprach mit ihr, mit der Gottheit in ihr, in einem Ton, der Respekt und Vertrautheit zugleich trug, als spreche er mit einem alten Bekannten, der nur selten zu Besuch kommt.

Als die Trance schließlich nachließ, die Frau in die Arme der Wartenden sank, welche sie mit Stroh auffingen, erschöpft, aber lächelnd, mit Augen, die langsam wieder zu ihr selbst zurückfanden, war die Sonne bereits tief gesunken, und ich stand da, unfähig, mich zu bewegen, unfähig, das Gesehene in eine Form zu bringen, die ich später wiedergeben könnte, ohne dass es kleiner wirkte, als es gewesen war.

Ich habe das Dorf noch am selben Abend verlassen, mit einem Dank, der viel zu klein war für das, was man mir gezeigt hatte. Aber seither, wenn ich in meinen Geschichten schreibe, wie ein Geist von einem Körper Besitz ergreift, denke ich nicht mehr an Effekte oder Metaphern. Ich denke an eine Frau im Staub eines togoischen Dorfplatzes, deren Augen für einige Minuten nicht mehr ihre eigenen waren – und an den Rauch eines Schießpulverfünkchens, der mir, wie ich bis heute glaube, tatsächlich eine Tür geöffnet hat, durch die ich nie ganz zurückgekehrt bin.
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