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Menhire von Enkirch - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Menhire von Enkirch

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Bernkastel-Wittlich
Enkirch nennt sich selbst die „Schatzkammer rheinischen Fachwerkbaus", und wer durch die engen Gässchen des historischen Ortskerns schlendert, vorbei an liebevoll beschrifteten Fachwerkhäusern wie dem Krieger'schen Haus von 1675, versteht schnell, warum. Doch ich war nicht wegen der Fachwerkfassaden gekommen. Ich suchte etwas Älteres, etwas, das lange vor den ersten Zimmerleuten dieses Dorfes hier stand – die beiden Menhire, die sich, kaum beachtet von den meisten Besuchern der Mittelmosel, in den Weinbergen und Straßen oberhalb des Ortes verbergen.

Enkirch selbst reicht, wie ich erfuhr, mindestens bis in keltische Zeit zurück – ein günstig gelegener Platz an der Mosel, an dem man später auch römische Säulen und Tempelreste fand. Erstmals urkundlich erwähnt wird der Ort 733, im Testament der Adela, jener merowingischen Gründerin des Klosters Pfalzel, deren Namen ich seither mit einer Landschaft verbinde, die offensichtlich schon lange vor dieser ersten schriftlichen Zeile bewohnt und verehrt war. Später fiel das Dorf an die Grafen von Sponheim, ehe der Pfalzgraf von Zweibrücken und Simmern hier 1557 die Reformation einführte – Enkirch ist seither überwiegend evangelisch, ein weiteres Kapitel religiösen Wandels, das sich über eine noch viel ältere Schicht der Verehrung legte.

Der erste der beiden Steine trägt eine Geschichte in sich, die mich sofort in ihren Bann zog, als man sie mir erzählte. Einst zierte er ein Hügelgrab, gemeinsam mit einem weiteren Stein, in jenem Teil der Weinberge, den man früher schlicht „uff dem Tumen" nannte – ein Name, der unmittelbar auf das lateinische tumulus verweist, auf die Grabhügel, die dort einst lagen. Ich blieb bei diesem Namen hängen, als hätte sich hier, mitten im rheinischen Winzerdeutsch, ein lateinisches Wort über Jahrhunderte hinweg versteckt gehalten, treu bewahrt von Menschen, die vielleicht längst nicht mehr wussten, wovon sie eigentlich sprachen, wenn sie „uff dem Tumen" sagten. Die Grabhügel selbst sind dem Weinbau zum Opfer gefallen, plattgewalzt und in Rebzeilen verwandelt, wie es so vielen alten Kultstätten in dieser von Wein durchdrungenen Landschaft ergangen sein muss – doch der Stein, der einst über den Toten wachte, blieb erhalten, wurde umgesetzt und steht heute neben dem Pavillon des Weinlehrpfades, ein steinerner Auswanderer aus seinem eigenen Grab, der nun Wanderern und Weinliebhabern Gesellschaft leistet, die kaum ahnen, woher er wirklich stammt.

Ich stand lange vor ihm, während unten die Reben in ordentlichen Reihen den Hang hinabzogen, und dachte daran, wie seltsam es ist, dass ein Stein, der einst die Ruhe der Toten bewachte, heute neben einer Informationstafel über Rebsorten steht – als hätte man ihm eine neue, viel bescheidenere Aufgabe zugewiesen, ohne ihn zu fragen, ob er damit einverstanden war. Der Wind, der durch die Weinstöcke strich, brachte kein Antwortflüstern, nur das trockene Rascheln der Blätter, und doch blieb mir das Gefühl, dass dieser Stein sich noch immer an den Hügel erinnerte, den er einst krönte, auch wenn dieser längst unter Rebzeilen verschwunden ist.
Der zweite Menhir fand sich an einem gänzlich anderen Ort – an der Einfahrt zur Straße Zum Frechert, im oberen, neuen Tal an der Straße Am Steffensberg, weit entfernt vom ersten Stein und von jeder erkennbaren Verbindung zu einem Grabhügel. Vermutlich wurde er 1979, im Jahr der Flurbereinigung, an diese Stelle versetzt, und ein kleines Metallschild mit Inschrift erinnert seither an seine Geschichte – ein moderner, fast bürokratischer Akt der Erinnerung, der mich merkwürdig berührte, als ich davorstand. Hier also ein Stein, dessen ursprünglicher Standort im Zuge einer Flurbereinigung neu geordnet wurde, versehen mit einer Plakette, als wollte man das Uralte in die Sprache der Verwaltung übersetzen, damit es nicht ganz verloren geht.

Ich stand zwischen den Zeilen dieser Inschrift und dem kalten, unbewegten Stein dahinter und spürte den seltsamen Kontrast zweier Zeiten, die sich hier berührten: die tiefe, namenlose Vergangenheit des Menhirs selbst, und die nüchterne, dokumentierende Gegenwart des zwanzigsten Jahrhunderts, die ihm ein Schild verpasste, als könnte man einem Jahrtausende alten Schweigen mit ein paar eingravierten Sätzen beikommen. Beide Steine, so verschieden ihre Wege auch waren – der eine aus einem verschwundenen Grabhügel gerettet, der andere durch eine Flurbereinigung versetzt –, teilten dasselbe Schicksal: verpflanzt, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, und doch, allen Verwaltungsakten und Weinlehrpfaden zum Trotz, immer noch da, immer noch aufrecht, immer noch stumm.

Als der Abend über den Weinbergen heraufzog und das Licht der Mosel jenen tiefen, fast weinroten Ton annahm, den ich seither mit dieser Landschaft verbinde, dachte ich an die verschwundenen Grabhügel „uff dem Tumen" und an das Metallschild an der Straße Zum Frechert – zwei sehr unterschiedliche Arten, sich an das Alte zu erinnern, eine durch bloße Versetzung, die andere durch Beschriftung, und keine von beiden ganz ausreichend, um zu erklären, was diese Steine einst wirklich bedeuteten. Enkirch selbst, mit seinen fröhlichen Fachwerkgiebeln und seiner Weinkönigin, kennt seine jüngere Vergangenheit gut zu erzählen. Die beiden versetzten Menhire aber trugen ihr eigentliches Geheimnis mit sich, wohin man sie auch stellte – als ließe sich das, was ein Stein einst bewachte, eben nicht einfach umsetzen.
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