Villa Rustica in Bollendorf
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Westlich des Ortskerns von Bollendorf, an einem Hang oberhalb der Sauer, liegen die Reste eines römischen Hauses, das von einer gewöhnlichen Familie erzählt. Ich stieg über den Matthiasweg hinauf, an der Burg vorbei, durch Wald und über Wiesen, bis ich in der Straße „An der Römischen Villa” ankam. Dort, hinter einem modernen Schutzbau, öffnet sich das Gelände, und man steht auf dem Boden eines Hauses, das vor fast zweitausend Jahren gebaut wurde. Es ist weniger ein Palast als ein Zuhause, und gerade das macht es so eindringlich.
Man nennt diese Anlage den Urtyp eines einfachen römischen Landhauses. Eine Bauernfamilie hat es zu Beginn des zweiten Jahrhunderts errichtet, schon aus Stein und nicht mehr nur aus Holz, und es nach römischer Art nach Süden zur Sauer hin ausgerichtet. Die Grundmauern des Haupthauses messen 27 mal 23 Meter. Der zentrale Raum, das Atrium, war 17 mal 11 Meter groß, und in einer Ecke des Wohnraums mit Wohnküche fand man noch die Herdstelle. Ich ging über die freigelegten Fundamente und versuchte, mir den Raum zu denken: das Feuer, den Geruch von Brot und Rauch, die Stimmen der Familie. Es gelang mir erstaunlich gut, als hätte der Boden selbst eine Erinnerung an das Alltägliche bewahrt.
An der Talseite besaß das Haus zwei Risalite, vorspringende Gebäudeteile, die ein Säulengang verband, mit einer Freitreppe in der Mitte. Wer von der Sauer heraufkam, sah eine repräsentative Front zwischen zwei Ecktürmen, die Wohlstand ausstrahlte, auch wenn das Haus eher bescheiden war. Dahinter lag eine Halle zum Leben und Arbeiten, und im hinteren Teil des Hauses Vorratskammer und Gerätelager. Im Hof standen mehrere Wirtschaftsgebäude. Man baute auch schon mit Keller, den man unter dem Haus und der Veranda fand.
Und dann kam der Wohlstand. Als die Besitzer wohlhabender wurden, gönnten sie sich ein Bad. Ich stand vor den Resten und las, was dort einst war: ein Hypokaustum, eine Fußbodenheizung, durch die man die Anlage wärmte; ein Umkleideraum, das Apodyterium; ein Frigidarium, ein Abkühlraum mit Kaltwasserbecken; und ein Tepidarium, ein Wärmeraum mit beheizten Bänken und Wänden, für „lauwarme Wellness”, wie es ein Wanderführer humorvoll nennt. Mir kam das auf eine unerwartete Weise vertraut vor: In einem Haus in den Wäldern der Eifel, zwischen Hängen und Feldern, hatte jemand sich ein warmes Bad für kalte Wintertage eingerichtet, so wie wir es heute auch tun würden.
Die Bewohner waren Gallo-Römer, also Nachkommen jener Kelten, die mit dem Beginn der römischen Herrschaft kurz vor der Zeitenwende zu Römern wurden. Sie sprachen vermutlich beide Welten in sich. Das Haus stand bis zum Ende des vierten Jahrhunderts, mehr als zweihundert Jahre lang, bis es einem Brand zum Opfer fiel, vielleicht in den Wirren der germanischen Einfälle. Danach blieb der Hang über Jahrhunderte still, bis die Erde das Haus fast vollständig zudeckte.
Heute schützt es ein moderner Bau, entworfen von Studierenden der Hochschule Trier und der römischen Architektur nachempfunden. Ich war zuerst skeptisch, aber im Inneren, unter dem Dach, wirkte er wie ein Atemzug in einem alten Körper, ein respektvolles Zugeständnis, das dem Haus Raum gibt, ohne es zu verdecken. Für Forscher gilt die Anlage als Prototyp, nach dem man in der Westeifel einen eigenen Typus von Villen benannt hat. Aber für mich blieb sie vor allem das, was sie war: das Haus einer Familie, die hier ihr Leben verbracht hat.
Ich setzte mich auf einen der niedrigen Mauerreste und sah hinunter ins Sauertal. Der Nachmittag war warm, und irgendwo unten fuhr ein Boot über den Fluss. Es ist ein stiller, freundlicher Ort, und ich hatte das Gefühl, dass hier etwas nachklingt, nicht Macht oder Größe, sondern das Gewöhnliche: Arbeit, Wärme, Gemeinschaft. Vielleicht ist das die eindrucksvollste Form von Geschichte, nicht die der Kaiser und Schlachten, sondern die der Menschen, die Brot backten, badeten und abends auf die Sauer hinabsahen.
Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Das Licht fiel schräg durch den Schutzbau auf die Grundmauern, und für einen Moment schien die Halle hinter den Säulen wieder gefüllt zu sein. Dann war es nur noch Stein im Gras, und der Wind kam vom Fluss herauf.