Wendalinushöhle bei Baltersweiler
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Baltersweiler gehört zur Gemeinde Namborn im Landkreis St. Wendel, ein Ort in einem niedrigen, bewaldeten Bergland zwischen Nahe und Blies, in dem es mehr Bäche und Wiesen gibt als Straßen. Hier liegt die Wendalinushöhle, ein anerkanntes Naturdenkmal, das ich auf einem Wanderweg erreichte, der an Wiesen und Waldrändern entlangführt, bis zwischen den Bäumen ein Felsen auftauchte, dessen Fuß sich zu einer niedrigen, dunklen Öffnung weitet. Der Ort ist gut ausgeschildert, denn er wird nicht nur von Wanderern besucht, sondern auch bei Wallfahrten, und man merkt es am Weg, der festgetreten ist und an den Resten von Wachs, die irgendjemand zurückgelassen hat.
Die Höhle ist klein, nur etwa sechs Meter lang, und man braucht, wie ein Wanderer schrieb, keine Taschenlampe. Ich trat ein, bückte mich unter dem Überhang und stand in einem Raum, dessen Wände rau und feucht waren und der kühl war wie ein Keller, eine Wohltat nach dem Aufstieg an einem warmen Tag. Es ist eine natürliche Höhle, kein alter Stollen, und gerade das macht sie bemerkenswert: Angesichts der Gesteine, die hier vorherrschen, ist es ungewöhnlich, dass es überhaupt eine Höhle gibt. Die Umgebung hat etwas Eigenartiges, fast Südwestfranzösisches, wie jemand schrieb, eine Küstenlandschaft, die man hier nicht erwartet, mit Felsen, Büschen und hellem Licht.
Ich fand kleine Nischen, in denen Kerzen gestanden haben mussten, und blieb bei diesem Gedanken. Das Anzünden von Kerzen in der Höhle ist nach dem Naturschutzgesetz verboten, und doch zeigt es, wie tief der Wunsch sitzt, an einem solchen Ort etwas zurückzulassen, ein Licht, eine Bitte. Die Besitzer des Ortes, die Tiere, die hier leben, Fledermäuse etwa, werden dadurch erheblich gestört, und ich ließ mein Feuerzeug in der Tasche. Aber ich verstand die Frommen.
Die Sage, die sich um die Höhle rankt, ist so schön, dass man sie gern glauben möchte. Der heilige Wendalinus, der seine irische Heimat verlassen hatte, lebte einige Zeit bei einem Gutsherrn in der Gegend von Trier, einem gottlosen Mann, der wenig Barmherzigkeit zeigte. Wendalinus hütete die Schafe seines Herrn, und es zeigte sich bald, dass er ein außerordentlich guter Hirte war: Hatten die Schafe zuvor immer nur ein Lamm geworfen, so waren nun Zwillingsgeburten die Regel, und die Herde verdoppelte sich in kurzer Zeit. Im selben Maß wuchs der Neid der anderen Hirten. Sie meldeten dem Gutsherrn, Wendalinus treibe die Herde in weit entfernte Gegenden.
Und tatsächlich, als der Gutsherr von einem gewaltsamen Landraub zurückkehrte, traf er Wendalinus in der Gegend des heutigen St. Wendel. Sofort machte er dem Hirten Vorwürfe, dass er die Schafe so weit vom Hof weggeführt habe. Er wollte am Abend eines der Tiere schlachten lassen und musste nun darauf verzichten. Wendalinus riet ihm, mehr Vertrauen auf Gott zu haben, denn der werde es möglich machen, dass die Schafe am Abend wieder bei Trier seien. Da der Fußweg dorthin zwei Tage dauerte, zeigte der Gutsherr wenig Glauben. Er trieb sein Pferd zu äußerster Eile an, aber als er nach dem Gewaltritt seinen Hof erreichte, zog Wendalinus gerade mit der Herde zum Hof herein. Er hatte die Schafe durch genau diese Höhle getrieben, um in kürzester Zeit nach Trier zu gelangen.
Der Gutsherr war so beeindruckt, dass er Wendalinus ein Stück Land schenkte, auf dem er eine Einsiedelei errichten konnte. Heute steht auf diesem Land die Stadt St. Wendel. Eine andere Fassung der Legende lässt Wendalinus die Schafe seines Herrn auf wunderbare Weise von Baltersweiler nach Tholey führen. Man nennt diesen Typ eine Fernverbindungssage, in der eine Höhle einen Ort mit einem weit entfernten verbindet, und man hat der Geschichte sogar scherzhaft die Reise durch einen Wurmloch zugeschrieben. Dazu passt eine augenzwinkernde Bemerkung, die ich gelesen habe: Dass Höhlenforscher, die keine christlichen Heiligen sind, die Verbindung nicht vermessen konnten, erkläre sich damit von selbst.
Ich stand im Eingang und blickte in den schmalen, dunklen Raum hinein, der nach sechs Metern endet, und versuchte mir vorzustellen, wie eine Herde Schafe durch diesen Spalt zieht, Hunderte Tiere, dicht an dicht, mit Wendalinus voran, und am anderen Ende eine Landschaft, die zwei Tagesmärsche entfernt liegt. Es ist ein Wunder von bemerkenswerter Bescheidenheit: kein Feuer, kein Blitz, kein Engel, nur ein Hirte und ein Durchgang. Der heilige Wendelin soll im sechsten Jahrhundert rund um Trier als Missionar unterwegs gewesen sein, und man vermutet, dass er die Abtei Tholey gründete. Dass seine Geschichte in einer Höhle endet, die in ein anderes Land führt, scheint mir stimmig. Ein Heiliger, der Wege verkürzt, steht den Menschen näher als einer, der Berge versetzt.
Ich setzte mich auf einen Stein vor dem Eingang. Von drinnen kam ein kühler Hauch, der nach Erde und nassem Stein roch, und über mir bewegte der Wind die Blätter. Eine Zeit lang saß ich still und dachte an all die Menschen, die vor mir hierher gekommen waren, mit Kerzen, mit Bitten, mit Kindern, die den Weg zwischen den Bäumen entlanggerannt sind, und die alle, jeder auf seine Weise, an diese Höhle geglaubt haben. Es gibt Orte, die man nicht ergründet, sondern an denen man seinen Platz findet, ohne zu wissen, wie.
Als ich ging, blickte ich noch einmal zurück. Die Höhle lag im Schatten, klein und still, und das Licht fiel nur knapp bis zu ihrem Rand. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht mehr für das interessierte, was draußen vor sich ging, weil sie schon wusste, wohin sie führte.