Opferaltar bei Bollendorf
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Bollendorf liegt an der Sauer, gegenüber dem luxemburgischen Bollendorf-Pont, und gehört zu jener Landschaft, die man die Bollendorfer Schweiz nennt. Hier haben Sauer und Prüm gewaltige Sandsteinformationen aus dem Fels gelöst, und der Wald steht zwischen Felswänden, Schluchten und schmalen Gängen. Ich war an einem windstillen Nachmittag unterwegs zum Plateau der Niederburg, oberhalb von Schloss Weilerbach. Der Weg führte über den Naturparkpfad Nr. 57, und ich nahm den Zickzackpfad, der beim Diana-Denkmal bei Weilerbach beginnt. Je höher ich stieg, desto stiller wurde der Wald, als würde er auf etwas warten.
Dann stand ich vor ihm. Der Opferaltar ist ein riesiger Sandsteinblock in der Form eines Pilzes, ein breiter, schwerer Hut, der auf einem schmalen Fuß ruht. Er zeigt die typischen Verwitterungsformen des Luxemburger Sandsteins. Der Regen und der Frost von Jahrtausenden haben ihn so geformt, wie ihn nur die Natur formen kann, und er liegt auf einem Sockel aus kleineren Felsbrocken. Man nennt ihn auch Druidenstein, Heidenstein oder Bärenstein, und jeder dieser Namen erzählt von dem, was Menschen in ihm sehen wollten: einen keltischen Priester, einen Heiden, ein Tier. Die Sprache hat dem Stein viele Gesichter gegeben, weil niemand ihm die Wahrheit ansehen konnte.
Und an dieser Stelle muss ich ehrlich sein. Es gibt keinen Beleg dafür, dass der Stein von Menschenhand bearbeitet wurde oder je als Opferaltar diente. Allein seine Größe spricht gegen eine solche Nutzung, und in seiner Umgebung hat man nie Opfergaben gefunden. Ich suchte trotzdem nach Spuren, nach Rillen, Schalen, Einkerbungen, die auf ein Ritual hinweisen könnten, und fand nichts. Der Altar ist vermutlich gar keiner. Vielleicht hat man dem auffälligen Stein einfach in früheren Zeiten eine besondere Kraft zugeschrieben, wie es Menschen mit allem tun, das aus der Landschaft herausragt und sich nicht erklären lässt. Beweisen kann das niemand.
Dass ich dennoch eine Weile schweigend davorstand, hat mit etwas anderem zu tun. Zwischen dem Fuß und dem Hut sitzt ein Stück Beton, ein Zeugnis der bewegten Geschichte dieses Steins. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der „Opferaltar” von seinem Sockel gerissen und später wieder hinaufgehoben. Wer ihn heruntergestoßen hat und aus welchem Grund, ist nicht überliefert, aber der Beton ist geblieben und hält den Stein bis heute an seinem Platz. Ich legte die Hand auf die rauhe, warme Fläche des Hutes und dachte an das Gewicht, das dort einst geschwankt haben muss, an die Anstrengung, einen solchen Koloss wieder zu heben, und an die seltsame Tatsache, dass der Altar, der nie einer war, nun von menschlicher Hand gehalten wird wie ein Gegenstand von Wert.
So ist dieser Ort für mich ein Beispiel dafür geworden, wie Mystik entstehen kann: nicht aus einem Fund, sondern aus einem Namen. Ein Stein steht an einer Kante über dem Tal, er sieht aus, als müsste etwas auf ihm geschehen sein, und so geschieht es, zumindest in den Geschichten der Menschen. Der Altar ist ein Stein, den man zum Altar gemacht hat. Das macht ihn nicht weniger eindrucksvoll, sondern lässt mich eher fragen, was Menschen schon immer brauchten, um sich die Welt erträglich zu machen: einen Ort, an dem etwas Größeres vorstellbar wird.
Als ich zurück in den Wald ging und mich noch einmal umdrehte, stand der Pilz im schrägen Licht, ein wenig geneigt, als lausche er. Die Sonne sank hinter die Felsen, und das Laub am Boden wurde dunkel. Ich spürte jenes bekannte kurze Innehalten, das ich von anderen Orten dieser Reise kenne, und ich wusste dabei nicht, ob es dem Stein galt oder nur der Stille des Waldes. Vielleicht war es auch beides.