Kumalak Orakel
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Im äußersten Westen der Mongolei, dort, wo sich das Altai-Gebirge auftürmt und die Steppe langsam der Kälte des Himmels weicht, lebt ein Volk, das älter ist als die Grenzen, die es heute umschließen: die Kasachen von Bayan-Ölgii. Und mit ihnen lebt eine Kunst, die noch älter ist als sie selbst – das Kumalak, ein Orakel aus einundvierzig kleinen Kugeln, deren Name im Turkischen schlicht „Schafskot" bedeutet. Getrocknete Kügelchen, unscheinbar, wie sie jeder Hirte tausendfach unter den Stiefeln zertritt – und doch, in den Händen der Richtigen, ein Schlüssel zu etwas, das größer ist als das, was man sieht. Heute werden statt des Schafskot auch – wie in diesem Fall – keine Steinchen verwendet, welche der Schamane sorgfältig ausgewählt hat.
Die Wurzeln dieser Divination reichen tief in die Geschichte der turkstämmigen Völker Zentralasiens zurück, zu den Kasachen, Kirgisen und Tataren, die über Steppe und Gebirge hinweg – von Kasachstan über Kirgisistan bis in dieses ferne mongolische Bergland – denselben Glauben trugen: dass die Ahnen nicht schweigen, wenn man sie richtig fragt. Ein Kumalak-Wahrsager, ein Baksy, wird nicht einfach zu dem, was er ist. Er wird über Jahre von einem geistigen Lehrer geführt, ehe ein Initiationsritus ihn befähigt, das Tor zwischen den Welten zu öffnen – ein Tor, durch das, so sagt man, die Vorfahren selbst sprechen.
Ich saß auf einem Filzteppich in einer Jurte, als es für mich geworfen wurde. Die Frau, die die Steinchen bewegte, war alt auf eine Weise, die nichts mit Jahren zu tun hatte – ihre Augen lagen tief, aber wach, wie zwei Feuer, die man lange schon nicht mehr hatte löschen können. Einundvierzig bunte Steinchen lagen vor ihr auf dem Tuch, und ehe sie sie zu bewegen begann, nahm sie jedes einzelne und berührte damit meine Stirn – eines nach dem anderen, ein kühler, fast unmerklicher Druck, wieder und wieder, bis ich das Gefühl hatte, mein Schädel bestünde nur noch aus Haut über einem offenen Raum. So, sagt man, öffnet sich das dritte Auge. So beginnt das zweite Sehen.
Dann begann sie zu sortieren. Ihre Finger bewegten sich schnell, beinahe ungeduldig, während sie die Steinchen in kleine Haufen teilte, neu ordnete, wieder teilte – ein Muster, das keinem Zufall zu folgen schien, sondern einer Grammatik, die nur sie verstand. Sie murmelte dabei, nicht zu mir, eher an etwas vorbei, das hinter meiner Schulter zu stehen schien. Ich wandte mich nicht um. Manche Dinge will man nicht bestätigt sehen.
Was sie mir am Ende sagte, behalte ich für mich – nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil manche Worte ihre Kraft verlieren, sobald man sie zu oft wiederholt, wie ein Stein, den man so lange in der Hand dreht, bis er seine Form vergisst. Nur so viel: Es war, als hätte sie nicht in meine Zukunft geblickt, sondern in etwas, das schon längst da war und nur darauf wartete, benannt zu werden. Als ich die Jurte verließ, brannte draußen bereits das erste Sternlicht über dem Altai, kalt und unbeirrt, und ich hatte das seltsame Gefühl, nicht ich hätte das Orakel befragt – sondern das Orakel habe mich die ganze Zeit schon gekannt, lange bevor die Steine zum ersten Mal fielen.
Seither, wenn ich schreibe und meine Figuren sich fragen, was das Schicksal für sie bereithält, denke ich an einundvierzig kleine Steine auf einem Filzteppich – und daran, wie leicht sich die Grenze zwischen Antwort und Prophezeiung auflöst, sobald man bereit ist, wirklich zuzuhören.