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Python-Tempel - Ouidah - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Python-Tempel - Ouidah

Reisen > Benin
Direkt gegenüber der weißgetünchten Basilika der Unbefleckten Empfängnis, als hätten beide Glauben sich stillschweigend darauf geeinigt, einander nicht zu verdrängen, liegt der Dangbé-Tempel von Ouidah – besser bekannt als der Tempel der Pythons. Zwei Glaubenswelten, Kreuz und Schlange, stehen sich hier auf derselben Platzfläche gegenüber, seit Jahrzehnten, ohne dass eine der beiden über die andere gesiegt hätte. Ich fand das, noch bevor ich das Tempeltor durchschritten hatte, bereits bemerkenswerter als vieles, was ich dahinter erwartete.

Der Kult um Dangbé, verkörpert im königlichen Python, reicht bis in die Zeit des Königreichs Dahomey im ausgehenden siebzehnten Jahrhundert zurück. Der Legende der Xwéda und Fon nach führte die Schlange einst ihr Volk durch eine Dürre in fruchtbares Land, andere Erzählungen berichten, ein König von Ouidah habe während eines Krieges Zuflucht in einem Wald gefunden und sei dort von Pythons beschützt worden, ehe er unversehrt zurückkehrte. Seither gilt Dangbé, oft dargestellt als Regenbogenschlange Dan, als Mittler zwischen der Welt der Lebenden und jener der Geister – Beschützer der Fruchtbarkeit, des Wohlstands, der Gewässer. Wer in Ouidah zur Familie der Xwéda oder Fon gehört, trägt bis heute mitunter feine Narbenzeichnungen im Gesicht, die den Kopfzeichnungen der Python nachempfunden sind – ein Bekenntnis, in die eigene Haut geschrieben.

Ich betrat den Tempel an einem stillen Nachmittag, die Luft schwer von Hitze und dem erdigen Geruch alten Lehms. Das Areal war kleiner, als ich erwartet hatte – einst erstreckte es sich über mehrere Hektar, doch die wachsende Stadt hatte es im Laufe der Jahrzehnte eingeschlossen, bis nur noch ein Kern blieb, dicht umbaut, aber nicht weniger geladen mit dem, was ihn seit Jahrhunderten auszeichnet. In einer schlichten runden Lehmhütte, kühl und dämmrig, lagen sie: Dutzende Pythons, träge übereinandergeschlungen, ihre Schuppen im spärlichen Licht stumpf golden schimmernd, ihre Bewegungen so langsam, dass man den Atem der Zeit selbst zu sehen glaubte.

Der Tempelwächter, der mich begleitete, hob ohne zu zögern eine der Schlangen an, bot sie mir wortlos dar. Ich zögerte, dann ließ ich zu, dass sie sich um meine Schultern legte – kühl, überraschend schwer, ihr Körper in einer stetigen, fast meditativen Welle in Bewegung, als würde sie mich nicht als Fremden wahrnehmen, sondern nur als eine weitere Oberfläche, über die zu gleiten es sich lohnte. Ich spürte ihren Kopf sich einmal kurz an meinem Hals bewegen, ein Zögern, das ich mir vielleicht nur einbildete, das mich aber für einen Herzschlag lang völlig reglos werden ließ – nicht aus Furcht, eher aus einem plötzlichen, unerklärlichen Respekt, als hätte ich soeben die Erlaubnis erhalten, etwas Uraltem so nah zu sein.
Man erzählte mir, dass die Pythons des Tempels frei sind zu kommen und zu gehen, dass man sie einmal im Monat in die Stadt entlässt, damit sie sich selbst ernähren, und dass, sollte eine von ihnen den Weg in ein Wohnhaus finden, sie dort nicht vertrieben, sondern ehrfürchtig empfangen, gefüttert und schließlich sanft zurück zum Tempel getragen wird – eine Übereinkunft zwischen Mensch und Gottheit, gepflegt über Generationen, so selbstverständlich verankert, dass niemand in Ouidah sie in Frage stellt.

Als ich die Hütte verließ, die Schlange behutsam zurückgegeben, brannte die Nachmittagssonne wieder ungefiltert auf den gepflasterten Tempelplatz, und ich blieb einen Moment stehen zwischen den beiden Gotteshäusern – der Basilika auf der einen, dem Dangbé-Schrein auf der anderen Seite –, während mir bewusst wurde, wie sehr dieser Ort selbst eine Art lebendiges Paradoxon war: kein Widerspruch zwischen den Glauben, sondern eine stille Übereinkunft, dass in Ouidah genug Raum für alle Götter ist, die über die Stadt wachen wollen.

Das Gefühl der kühlen Schuppen an meinem Hals blieb mir noch lange erhalten, ein Nachhall auf der Haut, der sich erst Tage später ganz verlor. Seither, wenn ich in meinen Geschichten von Wesen schreibe, die sich lautlos durch die Dunkelheit winden, denke ich nicht an Bedrohung, sondern an jene träge, goldschuppige Ruhe in einer Lehmhütte gegenüber einer Kirche – und daran, dass manche der ältesten Ängste des Menschen, richtig betrachtet, gar keine Ängste sind, sondern nur ein Respekt, der zu lange falsch benannt wurde.
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