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Spellenstein in Rentrisch - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Spellenstein in Rentrisch

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Rentrisch ist der kleinste Stadtteil von St. Ingbert, ein Ort aus Einfamilienhäusern, Gärten und Straßen, und wer ihn zum ersten Mal betritt, erwartet nichts weniger als einen Menhir. Ich fand ihn, ohne lange zu suchen, denn er ist nicht zu übersehen: Zwischen Wohnhäusern, hinter einem Jägerzaun, in einem Vorgarten ragt ein Stein auf, 5,05 Meter hoch, grau und schlank, wie ein Turm, der sich aus Versehen in eine Reihenhaussiedlung verirrt hat. Es ist der Spellenstein, das Wahrzeichen von Rentrisch.

Er stammt aus der ausgehenden Jungsteinzeit und wurde, wie man allgemein annimmt, um 1800 vor Christus aufgestellt. Er wiegt zwischen fünfzehn und zwanzig Tonnen und reicht etwa anderthalb Meter tief in den Boden, sonst, so heißt es, stünde er dort sicher nicht mehr. Wer genau hinsieht, erkennt, dass er ursprünglich eine sich nach oben verjüngende, vierkantige Steinspindel war. Man hat ihn aus härtestem Sandstein gefertigt, vermutlich mit Quarzwerkzeugen, und das Material stammt mutmaßlich vom Pfaffenkopf bei Dudweiler. Ich stand am Zaun und dachte an die Menschen, die dieses Gewicht bewegten, ohne Räder, ohne Eisen, und versuchte mir ihren Schweiß, ihre Seile, ihr Rufen vorzustellen. Wie sie ihn aufrichteten, bleibt eines dieser Geheimnisse, vor denen man leise wird.

Sein Name hat eine eigene Geschichte. Der Spellenstein hieß früher Spillenstein, nach der Spindel, und in alten Quellen Krimhildespill, im 16. bis 18. Jahrhundert auch Grimolde Pfeil. Irgendwann klingt die Sprache wie ein Echo aus einer Zeit, in der man Steine mit Frauen und Heldensagen verband. Ein Gelehrter des 19. Jahrhunderts, der ihn an der preußisch-bayerischen Grenze fand, schrieb von ihm als einem Zeugen des religiösen und politischen Lebens der alten Germanen, und seine Begeisterung hat sich in jeder Zeile erhalten, ob berechtigt oder nicht.

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit markierte der Stein eine Grenze des Geleitrechts auf der alten Geleitstraße, der späteren Kaiserstraße, und der Geograph Tilemann Stella zeichnete ihn 1564 mit einer besonders hohen Grenzsteinsignatur als Pirmansstein in seine Karte ein. Auch die Grenze zwischen Bayern und Preußen verlief später hier, von 1816 bis 1919, und trennte Rentrisch von St. Ingbert. Der Stein hat also Reiche kommen und gehen sehen, ohne seinen Platz zu verlassen. Er steht noch immer dort, und um 1900 erreichte ihn die Bebauung und umschloss ihn mit Zäunen und Vorgärten.

Und dann die Sage, die ich als Kind sicher gern gehört hätte. Am Stiefelfelsen, im Wald zwischen Rentrisch und Ensheim, soll einst der böse Riese Kreuzmann gehaust haben, der Menschen jagte, in einen Käfig sperrte und auffraß. Als eines Tages einigen Opfern die Flucht gelang, schleuderte er ihnen wutentbrannt seinen riesigen Wetzstein hinterher. Der flog weit durch die Lüfte, ehe er im Boden von Rentrisch steckenblieb, und dort steht er, so erzählt man, bis heute. Auch der Teufelstisch in der Nähe soll ein Ort gewesen sein, an dem für den hungrigen Riesen angerichtet war: Menschenhappen. Ich blickte an dem Stein hinauf, den man in einem Vorgarten für ein Stück Riesenwerkzeug hielt, und dachte, dass diese Geschichte mehr Wahrheit hat, als sie behauptet: Wer so einen Stein sieht, kann sich nicht vorstellen, dass Menschen ihn bewegten, und also muss es ein Riese gewesen sein.

Zudem will die Sage etwas Räumliches sagen. Der Stiefelfelsen liegt rund 1300 Meter Luftlinie entfernt, und seine Stiefelspitze zeigt in die Richtung des Spellensteins. Ob das Zufall oder Absicht ist, lässt sich nicht entscheiden, doch ein Stein, der auf einen anderen deutet, bleibt ein Rätsel, das man gern ernst nimmt. Wozu der Spellenstein genau diente, liegt im Dunkeln. Die Beschreibungen sprechen von einem Toten- und Sonnenkult, und ich möchte das nicht behaupten, nur weitergeben.

Eine Kleinigkeit, die mich sehr berührt hat, ist, dass unter dem Stein eine Flasche liegt. Als man 1935 den Fuß ausgrub, haben die Männer ein Dokument der Stadt St. Ingbert hineingelegt, unterschrieben von allen, die an der Grabung beteiligt waren. Eine Botschaft an eine ferne Zukunft, wie sie die Erbauer des Steins vielleicht auch hinterlassen haben, nur dass ihre aus Stein ist und die der Männer aus Papier und Glas.

Ich ließ meine Hand über den Jägerzaun gleiten und spürte nichts als das Holz. Aber es kam mir vor, als wartete der Stein darauf, dass ich noch etwas sagte. Ein Hund bellte, irgendwo ging ein Rollladen herunter, und über dem Dach des Nachbarhauses zog ein Flugzeug seine Spur. Dann wurde es still, und der Spellenstein stand im Abendlicht wie ein Stück aus einer anderen Zeit, das man nicht entfernt hatte, weil es zu schwer war und zu lange hier gestanden hatte.

Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Der Riese Kreuzmann war nirgends zu sehen, nur der Wetzstein, aufrecht in einem gepflegten Garten, und ich hatte das Gefühl, dass der Stein mit allen, die an ihm vorbeigehen, geduldiger ist als sie mit ihm.
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