Deutschland
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Es gibt ein Vorurteil, dem ich selbst lange erlegen war: dass das Mystische, das Unerklärliche, das, was sich zwischen den Welten bewegt, nur in fernen Steppen, an tropischen Küsten oder auf schwindelerregenden Höhen der Anden zu finden sei. Doch je länger ich reise, desto klarer wird mir, dass auch das eigene Land seine Schwellen hat – verborgen unter dichtem Laub, verwittert in altem Gestein, verschwiegen in den Erzählungen, die man sich in kleinen Dörfern noch immer am Abend erzählt, wenn die Touristen längst wieder abgereist sind.
Deutschland trägt seine Geister leiser als andere Länder. Es gibt hier keine trommelnden Schamanen am Lagerfeuer, keine Orakelketten, die über einem weißen Tuch fallen – und doch liegt unter der geordneten Oberfläche dieses Landes eine ältere, wildere Schicht, die sich nicht ganz hat zähmen lassen: heilige Haine, in denen die Germanen einst ihre Götter ohne Tempel verehrten, weil, wie es hieß, kein von Menschenhand errichtetes Dach würdig genug für sie war. Opferquellen, denen man Münzen und Nadeln anvertraute, in der Hoffnung auf Heilung oder Weissagung. Steinkreise und Hügelgräber, die älter sind als jede geschriebene Geschichte dieses Landes, stumme Zeugen eines Glaubens, dessen Namen wir nur noch erahnen können. Kirchen, die auf den Fundamenten weit älterer Kultstätten errichtet wurden, als hätte man das Heilige nicht auslöschen, sondern nur neu einkleiden wollen. Und Wälder – dunkle, dichte, jahrhundertealte Wälder –, aus denen die Märchen und Sagen stammen, die uns noch heute das Fürchten lehren, lange bevor wir verstehen, warum.
Ich habe begonnen, diesen leiseren Spuren zu folgen, so wie ich es zuvor in der Steppe der Mongolei, an den Küsten Westafrikas und in den Höhen der Anden getan habe – mit demselben Respekt, derselben Bereitschaft, innezuhalten, ehe ich einen Ort betrete, der mehr sein könnte, als er auf den ersten Blick zeigt. Denn auch hier, in vertrauter Landschaft, unter grauem Himmel und zwischen Eichen und Buchenhainen, die seit Jahrhunderten an derselben Stelle stehen, gilt, was ich auf jeder meiner Reisen aufs Neue gelernt habe: dass die Grenze zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt selten dort verläuft, wo man sie erwartet – und dass sie manchmal am dünnsten ist, genau dort, wo man am wenigsten mit ihr rechnet.
Was folgt, sind die einzelnen Fäden dieser deutschen Reise – Orte, an denen ich innehielt, lauschte, und mehr als einmal das Gefühl hatte, nicht allein zu sein.
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