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Bonoko von Ganvie - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Bonoko von Ganvie

Reisen > Benin
Ganvié wächst nicht aus der Erde, sondern aus dem Wasser. Ein Dorf auf Stelzen, mitten im Lac Nokoué, gegründet, so erzählt man, von den Tofinu – dem „Volk des Wassers" –, die im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert vor den Sklavenjägern der Fon-Krieger flohen und Zuflucht mitten im See fanden, weil ihre Götter sie dorthin führten, wo die Verfolger ihnen nicht folgen konnten und durften. Ganvié – „Ich wurde hier gerettet" – trägt diesen Namen bis heute wie ein Versprechen, das sich in jeder Pfahlbauhütte fortsetzt, die über dem stillen, braunen Wasser schwebt.

Ich hatte mir sagen lassen, dass es hier, abseits der Kanäle, die die Touristenboote befahren, einen Bonoko gebe – einen Orakelpriester, der zwischen den Wasserwegen ein winziges Eiland bewohnt, kaum größer als seine Hütte selbst, umgeben von schilfbewehrten Stelzen und der schweren Stille des Sees. Ein Fischer, der wenig sprach und noch weniger fragte, brachte mich in seinem schmalen Kanu zu ihm, das Paddel bei jedem Zug ein leises Schlucken im dunklen Wasser hinterlassend.

Vor der Hütte, im Schatten eines schiefen Dachs, standen sie: die Fetischköpfe. Kleine, aus Lehm und Ton geformte Gestalten, ihre Gesichter grob, aber eindringlich, manche mit Muscheln als Augen besetzt, manche mit Federn im Schädel, die sich im schwachen Wind bewegten wie letzte Atemzüge. Ihre Oberflächen waren dunkel gefleckt, glänzend an manchen Stellen – Spuren unzähliger Opfergaben, die man ihnen über die Jahre dargebracht hatte, Öl, Blut, Palmwein, eingesickert in den Ton, bis die Köpfe selbst zu atmen schienen vor Erinnerung.

Der Bonoko empfing mich ohne ein Wort der Begrüßung, wie man einen erwarteten, nicht einen angekündigten Gast empfängt. Er tanzte vor den Fetischköpfen, sprach in einem leisen, singenden Tonfall, der sich mit dem Plätschern des Wassers vermischte, und goss aus einer kleinen Kalebasse etwas Klares über die Tonköpfe, das im Nachmittagslicht kurz aufblitzte, ehe es in die rissige Oberfläche einzog. Ich verstand nichts von dem, was er sagte, doch ich verstand die Geste vollkommen: Er bat um Erlaubnis. Er kündigte mich an, nicht mir, sondern ihnen.
Erst danach führte er mich in seine Hütte, in ein Halbdunkel, das nach getrocknetem Kraut und feuchtem Holz roch. Wir setzten uns einander gegenüber. Er auf ein weißes Tuch, ich auf einen niedrigen Hocker. Er zog aus einem Tuchbündel eine lange Kette hervor – gereiht mit kleinen, halbierten Schalen, jede Hälfte glatt poliert von unzähligen Würfen, verbunden durch Kettenglieder. Das Orakel des Fa, sagte er auf Französisch, ehe er in seine eigene Sprache zurückfiel, für den Rest des Rituals.

Er warf die Kette. Nicht einmal – zweimal, jedes Mal las er ab, wie die Schalenhälften fielen, offen oder geschlossen zueinander, ein binäres Alphabet, das er zu ganzen Sätzen zusammensetzte, während draußen das Wasser des Sees plätscherte und irgendwo ein Vogel über den See strich, sein Schatten kurz durch das Fenster huschend. Ich hatte das Gefühl, dass nicht die Ketten sprachen, sondern etwas durch sie hindurch – eine Stimme, die sich der Schalen nur bediente, wie man sich eines Bootes bedient, um über Wasser zu gelangen, das man zu Fuß nicht durchqueren könnte.

Am Ende hielt er inne, betrachtete das Muster der beiden Ketten lange, ohne zu sprechen, und ich spürte, wie sich die Luft in der Hütte verdichtete, wie das gedämpfte Licht, das durch die Palmwedel fiel, für einen Moment noch dämmriger zu werden schien. Was er mir dann sagte, kam ruhig, fast beiläufig – aber es traf tiefer, als seine Stimme vermuten ließ, und ich trug es noch lange mit mir, während der Fischer mich zurück durch die stillen Kanäle Ganviés paddelte, vorbei an Hütten, die im Abendlicht wie schwarze Silhouetten auf dem Wasser standen, jede für sich ein eigenes kleines Eiland zwischen den Welten.

Ich weiß bis heute nicht, ob es die Fetischköpfe waren, die mich hereinließen oder das Flüstern des Sees. Aber ich weiß, dass ich seither, wenn ich vom Wasser schreibe, nie mehr nur an Fluten oder Flüsse denke – sondern an einen Ort, an dem man gerettet wurde, und an eine Kette aus Schalen, die mir mehr über mich erzählte, als ich zu fragen bereit gewesen war.
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