Egungun-Maskentänzer
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Es gibt einen Satz, den man mir in Kara zuflüsterte, ehe die Trommeln begannen, und den ich seither nicht vergessen habe: Wer den Tänzer berührt, berührt keinen Menschen mehr. Ich stand am Rand eines staubigen Platzes im Norden Togos, die Luft bereits dicht von Erwartung, und wusste noch nicht, wie wörtlich dieser Satz gemeint war.
Egungun – das Wort bedeutet im Yoruba schlicht „Maskerade" – ist einer der ältesten und ehrwürdigsten Ahnenkulte Westafrikas, entstanden im Herzen des Yoruba-Landes und über Jahrhunderte weitergetragen nach Benin und Togo, wohin Handel, Wanderung und Verwandtschaft die Tradition trugen, bis hinein in Gemeinschaften wie jene der Kabye-Region um Kara. Ein Egungun ist mehr als ein Tänzer in einem Kostüm. Er gilt als Medium, als Gefäß, das im Ritual von einem verstorbenen Vorfahren in Besitz genommen wird – ein Moment, in dem, so der Glaube, die Grenze zwischen den Toten und den Lebenden nicht nur dünn, sondern für die Dauer des Tanzes vollständig aufgehoben ist. Das Kostüm selbst ist ein Kunstwerk aus Dutzenden Stoffbahnen, die innerste Schicht oft aus schmalem, indigogefärbtem Streifengewebe, das dem Leichentuch gleicht, in das man die Toten einst hüllte – darüber Lage um Lage kostbarer Textilien, die den Rang und Reichtum der Familie bezeugen, deren Ahn hier zurückkehrt. Kein Zentimeter Haut, kein Gesicht darf sichtbar bleiben; ein feines Netz verbirgt die Züge dessen, der unter dem Stoff steckt – oder, wie man mir mit todernstem Blick erklärte, dessen, der ihn im Moment des Tanzes gar nicht mehr bewohnt.
Ich durfte dem Tanz beiwohnen, an einem Nachmittag, an dem die Sonne noch hoch stand, aber bereits jenes staubig-goldene Licht ausstrahlte, das jeder Bewegung einen Rand aus Glut verleiht. Die Trommeln begannen langsam, fast zögerlich, dann drängender, und als der erste Egungun aus dem Schatten der umliegenden Hütten trat, ging ein Ruck durch die versammelte Menge – ein kollektives Zurückweichen, halb Ehrfurcht, halb uralte Vorsicht. Die Stoffbahnen der Gestalt wirbelten bei jeder Drehung so heftig, dass sie sich zu einer eigenen, lebendigen Wolke formten, ein Wesen aus Farbe und Fliehkraft, das keine feste Gestalt mehr zu haben schien. Kinder wurden von ihren Müttern zurückgezogen, sobald der Tänzer sich der Menge näherte; Männer, die sonst nichts zu fürchten schienen, machten unwillkürlich einen Schritt zur Seite.
Ich stand nah genug, um zu spüren, wie der Wind, den die wirbelnden Stoffe erzeugten, über mein Gesicht strich – trocken, warm, mit einem Hauch von etwas Süßlichem darunter, das ich nicht benennen konnte und auch nicht wollte. In einem Moment, als der Tänzer sich abrupt zu mir wandte, mitten in der Drehung innehielt, obwohl die Trommeln nicht pausierten, hatte ich das unumstößliche Gefühl, angesehen zu werden – nicht durch das Netz vor dem Gesicht, sondern durch etwas, das keine Augen benötigte. Ein Herzschlag lang stand die Zeit still. Dann drehte sich die Gestalt weiter, als wäre nichts geschehen, und die Menge atmete hörbar aus.
Später, als die Trommeln verstummten und die Egungun zurück in den Schatten der Hütten glitten, aus denen sie gekommen waren, blieb ich noch lange auf dem leeren Platz stehen. Der Staub, den ihre Füße aufgewirbelt hatten, legte sich langsam, wie ein Vorhang, der sich nach einer Vorstellung schließt, deren letzter Akt eigentlich nie ganz endet. Man hatte mir gesagt, die Ahnen kämen nicht, um zu erschrecken, sondern um zu erinnern, zu segnen, zu mahnen – und doch trug ich, als ich den Platz verließ, ein Frösteln mit mir, das nichts mit der sinkenden Abendkühle zu tun hatte.
Seither, wenn ich in meinen Geschichten von den Toten schreibe, die unter den Lebenden wandeln, denke ich an jenen Wirbel aus Stoff und Staub in Kara – und an den einen Augenblick, in dem ich sicher war, dass mich etwas erkannt hatte, das viel älter war als ich.