Vicus Wareswald bei Oberthal
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Im nördlichen Saarland, wo sich die Gemeinden Oberthal, Marpingen und Tholey im Landkreis St. Wendel berühren, liegt ein Waldstück, das den Namen Wareswald trägt. Ich ging von Oberthal aus hinauf, durch den Ort, über offene Felder, vorbei an kleinen Weihern, und dann aufwärts in den Wald, bis die Bäume zurücktraten und ich auf einer Lichtung stand, auf der Mauern aus dem Boden wachsen: Das ist der Vicus Wareswald, eine gallorömische Siedlung, die hier auf einem Höhenrücken an der Kreuzung zweier römischer Straßen entstand.
Ein Vicus, so erklärt man, ist die römische Bezeichnung für eine Siedlung, ein Dorf oder einen Stadtteil. Dieser hier war ein Ort von Händlern und Handwerkern, der in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus entstand und Jahrhunderte bestand. Dass hier an einer Wegkreuzung in den Wäldern des Nordsaarlandes eine kleine Stadt lag, hat mich überrascht, obwohl ich auf dieser Reise gelernt hatte, wie dicht dieses Land römisch besiedelt war. Wer an das Römische Reich denkt, denkt an Kaiser und Paläste. Hier aber, im Wareswald, sieht man, wie es im Alltag aussah: Straßen, Häuser, Werkstätten, Läden.
Seit 2001 wird hier gegraben. Alles begann damit, dass ein Heimatforscher, Jürgen Gerhardt, an einer Stelle schürfte, die seit Langem als Siedlungsplatz bekannt war, ohne je systematisch untersucht worden zu sein, und dass die Grabungsfirma TERREX die Arbeit aufnahm und bis heute fortsetzt. Umfassende geomagnetische Untersuchungen haben die Ausdehnung der Siedlung sichtbar gemacht, ohne dass man den Boden öffnen musste. Das Grabungsgebiet umfasst etwa 2500 Quadratmeter und zeigt, wie es heißt, nur den ehemaligen Ortskern. Die Siedlung selbst war noch deutlich größer. Ich stand vor den freigelegten Fundamenten und dachte an das, was noch unter dem Waldboden liegt, an die Straßenzüge und Höfe und Gräber, die niemand je gesehen hat, und die sich unter Buchen und Moos verbergen.
Man hat in Wareswald auch einen gallorömischen Umgangstempel entdeckt, ein Heiligtum, das die Kultur der Gegend spiegelt: Römische Bauweise und keltische Verehrung, vereint in einem Gebäude, das man im Kreis umschreiten konnte. Und das passte zu dem, was ich auf dem Weg hierher gesehen hatte: zu den Kultsteinen am Schaumberg, zu den Gräbern, zu den Bildern von Göttern, die man in dieser Gegend verehrte, lange bevor jemand den Namen Christi hörte.
Die Geschichte der Siedlung ist auch eine Geschichte von Auf und Ab. Die Krise des dritten Jahrhunderts, die das ganze Reich erschütterte, traf auch Wareswald. Der wirtschaftliche Aufschwung der Region, als Trier zu Beginn des vierten Jahrhunderts Kaiserresidenz wurde, ist ebenfalls hier nachzuvollziehen. Danach, so fanden die Archäologen heraus, lebten Menschen im Vicus bis zum Ende des vierten Jahrhunderts, dann verließ man ihn, und er verfiel. Ich blieb am Rand der Fundamente stehen und stellte mir vor, wie die letzten Bewohner ihre Sachen packten und die Straße hinabzogen, im Wissen, dass die Zeit, in der sie lebten, zu Ende ging.
Es war ein stiller Tag, und im Wald war kaum etwas zu hören, nur Vogelrufe und das Rascheln des Laubes. Die Mauerreste lagen im gedämpften Licht, und an manchen Stellen hatte der Wald sich zurückgeholt, was er einmal hergegeben hatte: Moos, Wurzeln, Laub. Ein Rastplatz lädt am Rand der Anlage zum Verweilen ein, und ich setzte mich dorthin, mit dem Rücken an einen Baum, und sah auf das, was von einer Stadt geblieben war.
Was mich an diesem Ort am meisten berührte, war nicht das Große, sondern das Kleine. Im Museum Theulegium in Tholey, so hörte ich, zeigt man Funde aus dem Vicus, Dinge des Alltags, Scherben, Werkzeuge, Schmuck, und eine Ausstellung bringt sie Erwachsenen und Kindern näher. Ich dachte an die Hände, die sie benutzt hatten, an die Stimmen, die einmal in diesen Straßen gerufen haben, und daran, dass nichts davon in einer Chronik steht. Der Vicus Wareswald hat keinen berühmten Namen, keinen Kaiser, keinen Dichter. Er hat nur seine Mauern, und sie reichen.
Als ich ging, blickte ich noch einmal zurück. Das Licht fiel schräg durch die Stämme, und die Fundamente lagen wie aufgeschlagene Seiten eines Buches, dessen Text ich nicht lesen konnte, das ich aber behutsam wieder zuklappte.