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Klosteranlage St. Michael - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Klosteranlage St. Michael

Reisen > Deutschland > Baden-Württemberg
Es gibt Berge, die man nicht nur besteigt, sondern durch die man hindurchsteigt – durch Schichten von Zeit, die sich übereinandergelegt haben wie die Ringe eines uralten Baumes. Der Heiligenberg über Heidelberg ist ein solcher Berg. Seit siebentausend Jahren wird er begangen, besiedelt, verehrt, und als ich mich an jenem Nachmittag durch den dichten Buchenwald nach oben arbeitete, spürte ich mit jedem Schritt deutlicher, dass ich mich nicht einfach einem Kloster näherte, sondern einer Stätte, die weit älter ist als jede ihrer sichtbaren Mauern.

Auf dem höchsten Punkt einer doppelten keltischen Ringwallanlage, die einst das religiöse und wirtschaftliche Zentrum der Kelten dieser Region bildete, liegen heute die Ruinen des Michaelsklosters – gegründet im neunten Jahrhundert als Tochterkloster des berühmten Klosters Lorsch. Doch die Mönche, die hier ihre Kirche errichteten, bauten auf keinem unberührten Grund. Schon zur Zeit der Kelten stand an dieser Stelle ein Höhenheiligtum, dessen genaue Riten sich der Forschung bis heute weitgehend entziehen – zu spärlich sind die archäologischen Spuren, zu tief liegt das, was diese frühesten Verehrer hier suchten, unter den späteren Schichten begraben. Die Römer, die nach ihnen kamen, ließen sich davon offenbar nicht abschrecken, sondern errichteten an genau dieser Stelle einen Tempel für Mercurius Cimbrianus, dessen Grundriss man heute mit Steinplatten im Boden des Kirchenschiffs nachgezeichnet hat – ein Fußabdruck einer Gottheit, sichtbar gemacht unter dem Gewölbe einer Kirche, die einem ganz anderen Glauben diente.

Ich stand in jenem Kirchenschiff, das heute nur noch aus Mauerresten und zwei ungleich hohen Türmen besteht, und ließ meinen Blick über die im Boden eingelassenen Markierungen wandern, die den römischen Tempelgrundriss nachzeichneten. Drei Glauben, übereinandergestapelt an derselben Stelle – keltisch, römisch, christlich –, als hätte der Berg selbst über die Jahrtausende hinweg entschieden, dass hier, an diesem einen Punkt, etwas verehrt werden musste, ganz gleich, welchen Namen man der Macht gerade gab. Schon im siebten Jahrhundert, so erzählte man mir, fanden sich um diese Stätte merowingische Gräber, ehe der Abt Thiotroch aus Lorsch sich die kleine Kirche übereignen ließ und zu jenem Kloster ausbaute, dessen Ruinen ich nun betrat.
Was mich am tiefsten berührte, war jedoch nicht das Kloster selbst, sondern das, was sich in seiner Nähe im Wald verbirgt: das sogenannte Heidenloch, ein sechsundfünfzig Meter tiefer, schmaler Schacht, in den Sandstein getrieben, dessen keltischer Ursprung sich nur vermuten, nie beweisen lässt. Manche halten ihn für einen Opferschacht, für eine Verbindung, die die Kelten bewusst tief in die Erde trieben, um näher an das zu gelangen, was unter ihr wohnte. Ich beugte mich über die abgesicherte Öffnung, spürte kühle, feuchte Luft aus der Tiefe emporsteigen, und für einen Moment – jenen vertrauten Moment, den ich inzwischen an so vielen heiligen Orten erlebt hatte – war mir, als hielte der Wald um mich herum den Atem an, während aus dem Schacht ein Hauch aufstieg, der älter war als jede der drei Religionen, die sich diesen Berg seither teilten.

Ich ging weiter durch die Ruinen, vorbei an bemoosten Fundamentresten, während das Nachmittagslicht schräg durch die Baumkronen fiel und lange Schatten über die Steine warf, die einst Tempelwände, dann Klostermauern gewesen waren. Es ist ein eigentümliches Gefühl, an einem Ort zu stehen, den drei verschiedene Zeitalter für heilig genug befanden, um ihn immer wieder neu zu beanspruchen – als hätte sich unter dem Michaelskloster nicht nur ein römischer Tempel, sondern etwas noch Älteres eingegraben, das keine Mauer, kein Kreuz, kein Weihestein je vollständig zum Schweigen bringen konnte.

Als ich den Heiligenberg wieder hinabstieg, den Blick noch einmal zurück auf die beiden ungleichen Türme werfend, die sich gegen den dämmernden Himmel abzeichneten, wusste ich, dass ich nicht nur eine Klosterruine besucht hatte. Ich hatte einen Ort besucht, an dem sich Jahrtausende der Verehrung übereinandergelegt haben, Schicht um Schicht, wie es sich manchen Bergen eingeschrieben hat, egal welchen Namen die Menschen dem geben, dem sie dort begegnen wollten. Und ich frage mich seither, wenn ich an das Heidenloch zurückdenke, ob das, was die Kelten dort einst suchten, wirklich verschwunden ist – oder ob es nur wartet, tief unter Kirche und Wald, auf den nächsten, der bereit ist, sich über den Rand zu beugen.
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