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Berlin - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Berlin

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Wer Berlin kennt, kennt seine Oberfläche: die Betonweiten des Alexanderplatzes, das Summen der Ringbahn, die grelle Nacht seiner Clubs. Doch unter dieser lauten, unaufhörlich pulsierenden Stadt liegt eine zweite, leisere Schicht – eine, die sich nicht in Reiseführern findet und die man nur entdeckt, wenn man bereit ist, stehen zu bleiben, wo alle anderen weitergehen.

Berlin ist eine junge Stadt nach den Maßstäben der Geschichte, und doch trägt sie in ihrem Grund etwas weit Älteres: eiszeitliche Seen und Söllen, in denen germanische Stämme einst ihren Göttern begegneten, Opferplätze, die von Straßen überbaut, aber nie ganz zum Schweigen gebracht wurden, Sagen, die sich hartnäckiger halten als jedes Neubauviertel, das man über ihnen errichtete. Ich habe gelernt, dass diese Stadt ihre Geister nicht in ferne Wälder verbannt hat, so wie ich es zunächst vermutete, sondern mitten in ihr Zentrum eingebettet trägt – in einem unscheinbaren Teich zwischen Mietshäusern, in einem Denkmal, das mehr verschweigt, als es zeigt, in einem Namen, der, richtig gedeutet, von einer Göttin der Unterwelt erzählt, die man einst hier verehrte.

Anders als die Steppen der Mongolei oder die Küsten Westafrikas verlangt Berlin von einem Besucher eine andere Art der Aufmerksamkeit. Hier springt einem das Mystische nicht entgegen zwischen Trommelschlägen und lodernden Feuern – es wartet still, oft übersehen, zwischen U-Bahn-Aufgängen und Grünanlagen, in denen kaum jemand vermutet, was einst an ihren Ufern geschah. Wer genau hinsieht, wer bereit ist, dem Wind über einem stillen Wasser ein wenig zu lange zu lauschen, dem offenbart auch diese moderne, geschäftige Stadt, dass die Grenze zwischen den Welten nirgends wirklich verschwindet – sie verlegt sich nur, wo wir am wenigsten mit ihr rechnen.

Was folgt, sind die einzelnen Orte, an denen ich diese verborgene Schicht Berlins aufgesucht habe – Schwellen mitten in der Stadt, an denen die Vergangenheit, wie ich mehr als einmal spürte, nicht vergangen, sondern nur wartend ist.
Blanke Helle
Berlin
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