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Khajuu Bulag - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Khajuu Bulag

Reisen > Mongolei
Es gibt Orte, an denen die Zeit nicht vergeht – sie sammelt sich nur an, Schicht für Schicht, wie Sediment am Grund eines stillen Wassers. Khajuu Bulag ist ein solcher Ort.

Man findet die Quelle nicht, man wird zu ihr geführt – durch lichten Lärchenwald im Khentii-Gebirge Ostmongoleis, unweit des Flusses Onon, wenige Kilometer vom Hügel Deluun Boldog entfernt, den die Menschen hier als Geburtsort Temüdschins, des späteren Dschingis Khan, verehren. Kein Wegweiser kündigt sie an. Nur ein leises Rinnen zwischen den Wurzeln, ein Silberfaden, der aus dem Erdreich tritt, als hätte die Steppe selbst zu atmen begonnen.

Die Legende sagt, hier habe der neugeborene Temüdschin sein erstes Bad genommen; andere Erzählungen berichten, der Khan selbst habe später aus dieser Quelle getrunken. Ob Wahrheit oder Nachhall eines Mythos, der sich über Jahrhunderte an diesem Wasser festgesetzt hat wie Moos an einem Stein – man spürt beim Niederknien am Ufer, dass hier etwas mehr geschah als das bloße Fließen von Mineralwasser aus dem Fels.


Und tatsächlich ist es das: eine mineralische Quelle, klein, fast bescheiden, ein Rinnsal eher als ein Strom. Die Archäologie der Region bestätigt, was das Auge zunächst kaum glauben mag – dass ein Ort von solcher Zurückhaltung zum Nabel eines Weltreichs werden konnte. Ganz in der Nähe, am Ufer des Onon, liegt jenes Gebiet, das im 13. Jahrhundert als Heimat der Mongolen-Stämme galt, aus denen das Imperium hervorging; wenige Kilometer entfernt erheben sich die Inschriften von Rashaan Khad, ein Granitfels, in dessen Oberfläche Schriftzeichen mehrerer Jahrhunderte und mehrerer Alphabete – tibetisch, runenartig, alt-mongolisch – eingekerbt sind wie Narben eines Gedächtnisses, das nicht verheilen will. Der gesamte Landstrich – Teil des heute geschützten Khan-Khentii-Gebiets rund um den heiligen Berg Burkhan Khaldun – gilt Historikern als einer der am dichtesten mit Spuren der Reichsgründungszeit durchsetzten Räume der Mongolei: befestigte Siedlungsreste, Hirschsteine, Grabanlagen wie jene von Oglogchiin Kherem, deren kilometerlange Steinmauer noch heute den Umriss eines Totenreichs nachzeichnet.

Ich stand an diesem Wasser, während die Dämmerung sich über den Wald legte, und dachte: Manche Quellen speisen Flüsse. Diese hier speiste eine Weltgeschichte – und, so will es mir scheinen, auch etwas, das keine Chronik je ganz einzufangen vermochte. Ein Rest von etwas Wachem im Boden. Ein Ort, an dem das Land sich erinnert, lange bevor die Menschen es tun.

Wer hier trinkt, sagt man, trage fortan ein Echo dieses Wassers in sich. Ich habe getrunken. Und seither, wenn ich schreibe, höre ich manchmal dieses leise Rinnen unter den Zeilen – als wollte die Quelle mir zuflüstern, dass manche Geschichten nie enden, sie fließen nur weiter, unterirdisch, bis sie irgendwo wieder ans Licht treten.
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