Fliegenstein bei Wattenheim
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Im Wald zwischen Wattenheim und Hettenleidelheim, dort, wo der Leininger Panoramaweg sich durch dichtes Unterholz windet, erhebt sich ein Hügel, den man auf den ersten Blick für eine bloße Bodenwelle halten könnte – ein sanft gerundeter Erdrücken, gut zweieinhalb Meter hoch, mit einem Durchmesser von rund zweiundzwanzig Metern. Erst wenn man ihn erklommen hat, erkennt man, dass es sich um einen keltischen Grabhügel aus der älteren Eisenzeit handelt, errichtet zwischen 800 und 400 vor Christus – und auf seiner Kuppe, unscheinbar, kaum siebzig Zentimeter hoch, steht der Stein, dem dieser Ort seinen Namen verdankt: der Fliegenstein.
Ich hatte mir einen imposanteren Anblick vorgestellt, als ich mich durch das windbruchdurchzogene Gehölz zu ihm hinaufkämpfte, und war zunächst beinahe enttäuscht von seiner Bescheidenheit – bis mir bewusst wurde, dass gerade diese Kleinheit seine eigentliche Geschichte trägt. Der heute sichtbare Stein ist vermutlich nur der Rest einer einst deutlich höheren Stele, deren übriger Teil im Lauf der Jahrhunderte verschwunden, zerbrochen oder abgetragen wurde – ein Fragment, das dennoch nichts von seiner alten Bedeutung eingebüßt zu haben schien, als ich davorstand.
Der Name Fliegenstein, so erfuhr ich, geht vermutlich auf eine ältere Bezeichnung zurück: Fliehenstein. Im Mittelalter war dieser Stein, gemeinsam mit dem Hügel, unter dem er thront, ein sogenannter Freibezirk – ein Ort des Asyls für Menschen, die vor Verfolgung flohen. Wer es bis hierher schaffte und die Hand auf den Stein legte, so besagt die Überlieferung, war für sechs Wochen und drei Tage vor weiterer Strafverfolgung geschützt. Ich legte meine eigene Hand auf die kühle, von Moos überzogene Oberfläche, während ich mir vorzustellen versuchte, wie ein gehetzter Mensch vor Jahrhunderten genau hier ankam, außer Atem, mit den Verfolgern noch im Ohr, und in genau diesem Moment, unter genau diesem Stein, für kurze Zeit unantastbar wurde. Ein Grab, das zugleich Zuflucht bot – die Toten unter der Erde gewährten den Lebenden über ihnen Schutz, als reiche ihre alte, keltische Macht bis in eine ganz andere, spätere Zeit hinein.
Auch als Grenzstein diente dieser Ort über Jahrhunderte: Einst schied er die Territorien von Nassau-Weilburg, Leiningen-Westerburg und dem Bistum Worms, und noch heute verläuft hier die Gemarkungsgrenze zwischen Hettenleidelheim, Wattenheim und Eisenberg, markiert durch einen weiteren, jüngeren Grenzstein aus dem fünfzehnten oder sechzehnten Jahrhundert, der am Rand des Hügels steht – ein stummer Nachfolger, errichtet, um dieselbe unsichtbare Linie zu bewachen, die der ältere Stein wohl schon Jahrhunderte zuvor markierte.
Ich setzte mich für eine Weile auf die Flanke des Hügels, während das Licht durch das dichte Blätterdach in unsteten Flecken auf den Waldboden fiel, und dachte daran, wie viele Schichten Bedeutung sich hier übereinandergelegt hatten – Grab, Kultplatz, Asyl, Grenze –, jede Generation fand an diesem einen kleinen Stein etwas, das sie brauchte, als hätte der Ort selbst eine besondere Gabe dafür, sich immer wieder neu nützlich zu machen, ohne seine eigentümliche Kraft dabei zu verlieren. Der Wind, der durch die Bäume strich, trug ein leises Rascheln mit sich, das mir vorkam wie ein fernes Echo all jener, die einst hierherflohen, hier begraben wurden, oder hier nur eine Grenze zu respektieren hatten, die kein Auge sehen konnte.
Als ich schließlich wieder hinabstieg, den Fliegenstein hinter mir im Dämmerlicht des Waldes zurücklassend, wusste ich, dass ich einen Ort verließ, der seine Bedeutung nicht aus seiner Größe bezog. Manche der mächtigsten Steine, die ich auf dieser Reise besucht habe, waren gewaltig genug, um von Weitem Ehrfurcht zu erzwingen. Der Fliegenstein dagegen verlangt, dass man ihn sucht, dass man sich durch Wald und Windbruch zu ihm hinaufarbeitet – und belohnt diese Mühe mit einer stilleren, aber nicht weniger beharrlichen Gewissheit: dass manche Schutzversprechen, einmal in Stein gefasst, ihre Gültigkeit über Jahrtausende hinweg zu bewahren scheinen, auch wenn längst niemand mehr da ist, der sie einfordern könnte.