Altarstein Niederstedem
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Südlich von Bitburg, im Bitburger Gutland, liegt Niederstedem. Das Dorf ist klein und ländlich, mit alten Höfen und Wegekreuzen. Die Eifel zeigt sich dort von ihrer ruhigen Seite. Ich hatte mir den Weg in die Zahlenstraße gemerkt, wo die Filialkirche St. Jakob steht. Von außen ist sie unauffällig: ein im Wesentlichen romanischer Chorturm, ein Schiff mit der Jahreszahl 1794 im Keilstein des Portals und ein Kirchhof mit einer Umfassungsmauer aus Kalkstein. Der Stein, wegen dem ich gekommen war, steht aber nicht im Freien, sondern im Inneren.
Die Kirche wird um 1140 greifbar, und eine Urkunde von 1146 spricht sie ausdrücklich an. Der Ort selbst wird erstmals 893 im Prümer Urbar als „Stedeheym” genannt. Doch lange davor lebten hier Menschen: Auf den Fluren „Alshöhe” und „Im Grasmärchen” fanden sich Reste römischer Siedlungen, und auf der Flur „Auf der Zahl” fränkische Gräber. Die Menschen sind hier also immer wieder gekommen und geblieben, jede Zeit über der vorigen. Ich wusste, dass man auch in diesem Raum erwarten konnte, auf Schichten zu stoßen.
Dann stand ich vor dem Altar. Ein gemauerter Altarblock trägt ein zweigeschossiges Retabel der späten Renaissance. Unten liegt der Tabernakel, oben steht eine Figur des heiligen Jakobus mit Pilgerstab und Muscheln, und das Dorf trägt die Muschel noch heute in seinem Wappen. Vor diesem Altar steht ein neuer, der nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingebaut wurde. Hinter ihm aber ruht die Platte des alten Zelebrationsaltars auf einem großen, roh behauenen Monolithen. Genau dieser Stein hatte mich hergeführt.
Er ist mit weißer Farbe überstrichen, und seine Oberfläche lässt sich deshalb nicht mehr erkennen. Ich suchte trotzdem nach Anzeichen, nach Rissen, Kanten, einem Hinweis auf Bearbeitung, und fand nur die Form eines schweren, unregelmäßigen Blocks unter einer gleichmäßigen Schicht Kalk. Man kann ihn kaum ansehen, ohne sich zu fragen, was darunter liegt.
Die Frage, die mich hierhergebracht hat, ist ein Verdacht, mehr nicht. Es gibt andere Kirchen, in denen Teile von Menhiren als Altarsteine verwendet wurden, etwa im Fall von Latsch, wo man 1992 einen solchen Fund machte. Und nicht weit von hier, auf dem Ferschweiler Plateau, stehen oder standen viele Menhire und andere vorgeschichtliche Denkmäler. Daher ist es denkbar, dass auch dieser Monolith einst aufrecht auf einem Feld stand, ehe man ihn in eine Kirche trug. Beweisen lässt sich das kaum, und ich möchte hier nicht mehr behaupten, als ich weiß. Der Stein kann ebenso gut ein gewöhnlicher Block gewesen sein, den man einfach für den Bau brauchte.
Und doch hielt mich der Gedanke fest. Wenn es so war, dann hätten die Menschen des Mittelalters einen Stein, der schon Jahrtausende alt war, nicht beseitigt, sondern unter ihren Altar gestellt, als wollten sie das Alte nicht vertreiben, sondern in das Neue aufnehmen. Ich habe auf dieser Reise oft gesehen, wie Orte ihren Glauben wechselten, ohne ihre Heiligkeit zu verlieren. Hier läge der Wechsel gleichsam im Stein selbst. Ein Pilgerheiliger mit Muschelschmuck steht über einem Fels, dessen erste Aufgabe niemand mehr kennt.
Ich blieb lange in der kühlen Stille der Kirche, bis das Licht durch die Fenster schräger fiel und die weiße Farbe des Steins ein wenig zu glimmen begann. Draußen wurde es Abend, und ich hörte den Wind um den Chorturm gehen. Ob unter dem Kalk ein Menhir schläft oder nur ein Block, wird vielleicht nie jemand erfahren. Aber an diesem Ort, an dem Römer, Franken und Mönche vorübergezogen sind, schien mir die Ungewissheit selbst die ehrlichste Form von Ehrfurcht zu sein.