Menhir Fleringen
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Fleringen liegt hoch in der Westeifel, auf gut 500 Metern, ein kleines Dorf mit rund vierhundert Einwohnern, umgeben von Wiesen, Wäldern und weiten Ausblicken. Die Landschaft hier ist rau und offen, und der Wind weht fast immer. Ich folgte der Straße von Fleringen in Richtung Wallersheim, und dort, wo ein Weg zum Rasenhof abzweigt, stand er: ein Stein, etwa zweieinhalb Meter hoch, direkt am Straßenrand, so nah, dass ich ihn mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können, ohne einen Schritt vom Asphalt zu treten.
Es ist ein ungewöhnlicher Ort für einen Menhir. Die meisten Steine, die ich auf dieser Reise besucht habe, standen im Wald, auf einer Lichtung oder am Rand eines Feldes, abgerückt vom Lärm, in einer Stille, die man spüren konnte. Dieser hier steht an einer Kreuzung, und Autos fahren vorbei, so als gehöre er zum Verkehrsschild. Ich blieb eine Weile auf dem Grasstreifen daneben stehen und sah, wie ein Wagen nach dem anderen den Abzweig passierte, ohne dass auch nur einer langsamer wurde. Wie viele Menschen mögen in all den Jahren an diesem Stein vorbeigefahren sein, ohne ihn zu bemerken?
Er besteht wie der nahe gelegene Langstein bei Wallersheim aus Kalkstein. Von diesem Nachbarn, den die Leute dort auch Lahnsteinchen oder Ladsteinchen nennen, vermutlich eine Abwandlung von „Langsteinchen”, weiß man, dass er auf einer Anhöhe steht, grau verwittert, bemoost und mit Flechten bedeckt, und dass er nur etwa dreißig Zentimeter dick ist. Vielleicht wurde er aus den nahen Kalksteinbrüchen hierher geschleift und aufgestellt, wie es in der Beschreibung heißt. Wenn schon beim Langstein diese Frage offen bleibt, gilt das für den Stein von Fleringen erst recht.
Denn ob er tatsächlich ein echter Menhir ist, bezweifelt die Forschung. Die Beschreibung, die ich fand, sagt es ohne Umschweife: Es ist fraglich. Der Stein sieht aus wie ein Menhir, er hat die richtige Größe und die richtige Gestalt, und doch kann niemand sicher sagen, ob ihn Menschen der Jungsteinzeit hier aufgerichtet haben oder ob er in späterer Zeit an dieser Stelle zurechtgerückt wurde, als Grenzzeichen, als Wegmarke oder zu einem Zweck, der längst vergessen ist. Ich stellte mich ganz dicht heran und suchte nach Spuren, nach Rillen, Kerben, Bearbeitungen. Was ich sah, war ein grauer, rissiger Block, auf dem das Moos ansetzt, und was ich spürte, war die Kälte eines Steins, der keine Antwort gibt.
Gerade diese Ungewissheit hat mich an Fleringen berührt. Auf dieser Reise bin ich vielen Steinen begegnet, die Legenden trugen, Namen, Kreuze, Geschichten von Heiligen und Teufeln. Dieser Stein trägt nichts davon. Er steht einfach da, am Abzweig zu einem Hof, und fragt nicht, ob man ihm glaubt. Wenn er ein Menhir ist, dann ist er einer, der seine Würde nicht durch Abgeschiedenheit sichert, sondern durch bloße Beständigkeit. Wenn er keiner ist, dann ist er ein Stein, der seit Generationen für etwas gehalten wird, das er vielleicht nie sein wollte, und der diese Rolle trotzdem so ruhig trägt, dass man ihr beinahe glauben möchte.
Als ich weiterging, drehte ich mich noch einmal um. Der Wind hatte aufgefrischt und trieb die ersten Regentropfen über die Straße, und der Stein stand im grauen Licht wie ein Mensch, der auf jemanden wartet und weiß, dass er nicht kommt. Manche Orte beweisen ihr Alter nicht. Sie halten es aus.