Menhir von Bornheim
Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Alzey-Worms
Nördlich von Bornheim, dort, wo die Weinberge der Rheinhessischen Schweiz in offenes Ackerland übergehen, steht er allein auf freiem Feld – der Lange Stein, ein Menhir aus grauem Kalkstein, der schon in der jüngeren Steinzeit von Menschenhand aufgerichtet wurde. Kein Wald verbirgt ihn, keine Mauer umschließt ihn. Er steht einfach da, sichtbar von Weitem, als hätte er nie ein Bedürfnis gehabt, sich zu verstecken – und gerade das machte ihn, als ich mich ihm über die stille Feldstraße näherte, auf eine Weise unheimlich, die ich bei versteckteren Heiligtümern so nicht erwartet hatte.
Er markiert bis heute die alte Gemarkungsgrenze zwischen Bornheim und dem benachbarten Armsheim – eine Grenze, die vermutlich älter ist als jede Urkunde, die sie je schriftlich festhielt. Bornheim selbst wird erstmals 767 oder 768 im Lorscher Codex erwähnt, doch die Siedlungsspuren um den Ort reichen weit vor diese erste schriftliche Zeile zurück: Brandgräber und ein fränkischer Reihengräberfriedhof aus der Zeit um 500 nach Christus wurden hier gefunden, und man vermutet, dass schon die Germanen die nahe Oswaldshöhe als Versammlungsstätte nutzten – eine Anhöhe, von der aus man den Langen Stein wohl schon damals im Tal hätte stehen sehen können, unbeirrt, während sich Reiche über ihm bildeten und wieder vergingen.
Er ist einer von rund zwölf Menhiren, die man in Rheinhessen kennt, im Volksmund oft schlicht Hinkelsteine genannt – ein Name, dessen Ursprung selbst im Dunkeln liegt, irgendwo zwischen dem alten Wort für Riesenstein und dem Missverständnis eines Dialekts, der über Generationen sein eigenes Gedächtnis verlor. Ich fand es seltsam berührend, dass selbst der Name dieser Steine sich im Lauf der Zeit verändert und verwischt hat, während die Steine selbst unbewegt blieben – als trüge allein der Fels die eigentliche, unveränderliche Erinnerung, während die Sprache der Menschen um ihn herum immer wieder neu beginnen musste.
Ich stand lange vor ihm, die Hand nicht auf ihm, sondern nur in seiner Nähe schwebend, während der Wind über die frisch gepflügten Felder strich und das ferne Rauschen der Autobahn kaum mehr als ein Flüstern am Rand meiner Wahrnehmung blieb. Anders als bei den größeren, sagenumwobenen Menhiren dieser Landschaft – jenen, um die sich Geschichten von Teufeln und vergrabenen Schätzen ranken – trägt der Lange Stein von Bornheim keine überlieferte Legende, keinen Namen, der ihn zu etwas Besonderem macht. Und doch, gerade in dieser Stille, in diesem Fehlen jeder ausgeschmückten Erzählung, spürte ich etwas, das mich mehr berührte als jede blutrünstige Sage: die bloße, unerklärte Tatsache seines Bestehens. Ein Stein, aufgerichtet von Händen, deren Namen für immer verloren sind, aus Gründen, die niemand mehr kennt, an einer Grenze, die noch heute gilt, obwohl längst niemand mehr weiß, wer sie ursprünglich zog.
Als die Sonne tiefer sank und ihr Licht den Stein in ein langes, scharfkantiges Schattenbild auf das Feld warf, dachte ich daran, wie viele Grenzen dieser eine Fels wohl schon gesehen hat – Grenzen zwischen Stämmen, zwischen Reichen, zwischen Glauben, während er selbst unverändert blieb, ein stiller Zeuge, dessen Sprache wir längst verlernt haben. Manche Orte, so wird mir auf dieser Reise immer klarer, brauchen keine Legende, um mystisch zu wirken. Es genügt manchmal, einfach nur sehr, sehr lange dort zu stehen, wo etwas anderes noch viel länger gestanden hat.