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Klausenhöhle bei Kordel - Lyakon

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Non omnis moriar.
(Horaz)

Klausenhöhle bei Kordel

Reisen > Deutschland > Rheinland-Pfalz > Trier Saarburg
Südlich von Kordel, im Kyllwald, liegt ein Gelände, in dem sich mehrere Zeiten zugleich zeigen. Ich war auf dem Römerpfad unterwegs, einem der Premiumwanderwege, die hier durch die Felsen führen, und stieß zuerst auf ein Bauwerk, das aussieht wie ein kleiner Bergwerkseingang mitten im Wald. Es sind die Pützlöcher, ein römisches Kupferbergwerk zwischen Kordel und Butzweiler, eines der ältesten in Deutschland. Der Name bedeutet Wasserloch, und im zweiten Jahrhundert baute man hier in etwa zwanzig Metern Tiefe Erze wie Malachit und Azurit ab, grün und blau, die Farben von Moos und Himmel, aus dem Berg geholt. Und gleich dahinter, im hellen Sandstein, liegt das, was ich suchte: die Klausenhöhle.

Sie befindet sich in der Nordwand des Berges Die Hochburg und ist ein Naturdenkmal. Es ist eine Klufthöhle mit dem typischen spitzbogigen Profil, gut zehn Meter tief und nach hinten schmaler werdend, kein finsterer Schlund, sondern ein enger Spalt im Fels, den jemand zu einem Haus gemacht hat. Man erkennt es an den Spuren. Auf etwa zwei Metern Höhe sind beiderseits in gleichmäßigen Abständen Balkenlöcher in die Wände gehauen, die einst eine Decke trugen und den Raum in zwei Stockwerke teilten. Weitere Balkenlöcher tief im Inneren lassen eine zusätzliche Unterteilung vermuten. Am Eingang sieht man auf beiden Seiten Widerlager für vierkantige Balken, zwischen denen man sich eine stabile Tür vorstellen kann. Ich stand davor, legte die Hand an eine der Kerben und spürte, wie sauber sie gearbeitet war. Hier hatte jemand Zeit und Mühe aufgewendet, um sich im Fels einzurichten.

Der untere Raum besitzt eine Rundbogennische, die offenbar als Andachtsraum diente. In den geglätteten Fels ist ein Strahlenkranz eingeritzt, ein schlichtes Zeichen von Heiligkeit, das im Halbdunkel schimmerte. Darüber liegt eine Art Galerie mit einer wohlproportionierten Fensteröffnung, ein natürliches Loch im Gestein, das man nachgearbeitet hat. Man erreichte diese obere Ebene vermutlich mit einer Leiter, und dort oben befand sich wahrscheinlich die Schlafstätte des Einsiedlers. An der Ostseite der Höhle hat man eine Nische mit einem Loch in der Außenwand ausgearbeitet, und man sieht, dass mit Hammer und Meißel nachgeholfen wurde, ein geschützter Schlafraum also.

Dann sah ich sie. In der Fensteröffnung des oberen Stockwerks und außen an der Westseite des Felsens sind Gesichter in den Stein gemeißelt. Es sind zwei, primitiv gearbeitet, mit tiefen, runden Augenhöhlen und einem schmalen Mund, und es hat mich getroffen, wie wenig man dazu braucht, um aus Stein ein Antlitz zu machen. Sie erinnern, wie es in den Beschreibungen heißt, entfernt an Totenmasken: flach, starr, ohne Ausdruck, und gerade dadurch eindringlich. Ich stand vor dem Gesicht in der Fensteröffnung, das nach draußen, in den Wald zu blicken scheint, und dann ging ich um den Felsen und fand das zweite an der Westseite, dem Tal zugewandt. Beide schauen hinaus, nicht hinein. Es war ein seltsamer Moment: Ich spürte, dass ich beobachtet wurde, von etwas, das keine Augen hatte und doch zu sehen schien.

Wozu sie gedacht waren, sagen die Tafeln recht eindeutig: Sie dienten wohl exorzistischen Zwecken, böse Geister sollten ferngehalten werden. Man hat sie als Wächter an die Stellen gesetzt, an denen ein Haus verwundbar ist, am Fenster und an der Außenwand, so wie man anderswo Zeichen an Türen und Dachfirste setzt. Das ist eine schöne, schlüssige Erklärung, und ich wäre gern bei ihr geblieben. Aber ich habe nachgelesen, und die Wahrheit ist weniger eindeutig. Eine Beschreibung der Höhle merkt an, dass die Geschichte vom exorzistischen Zweck erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden sei, als die Menschen der Gegend in der Höhle Schutz suchten und ihr diese Bedeutung gaben. Andere vermuten, die Gesichter stammten aus späterer Zeit als die Einsiedelei selbst. Wer sie gemeißelt hat, wann und wozu, ist unbekannt.

Das trifft auf die ganze Höhle zu. Über die Eremiten, die hier gelebt haben, gibt es keinerlei Dokumente. Die Tourismusbeschreibungen sprechen von einem Klausner im 18. Jahrhundert, der sein ewiges Heil durch ein Leben in völliger Abgeschiedenheit suchte, doch eine andere Quelle hält fest, dass nur wenige Details zur Nutzung als Einsiedelei belegt sind, viele Geschichten Fantasie oder Legende seien und unbekannt bleibe, ab wann und wie lange die Höhle als Einsiedelei diente. Auch in der Gemarkung Kordel gab es mehrere Klausen, im Kaulay-Felsen, im Laufbachtal und hier am Klausengrund. Ich nehme von all dem mit, was gesichert ist: Jemand hat diese Höhle zu einem Haus ausgebaut, einen Andachtsraum hineingeschlagen und Gesichter in den Fels gesetzt. Alles Übrige bleibt Vermutung.

Gerade deshalb wirkten die Gesichter auf mich so stark. Sie sind das Einzige an diesem Ort, das mich ansieht. Die Balkenlöcher erzählen von Arbeit, die Nische von Gebet, aber die Gesichter erzählen von Angst oder von Schutz, ich konnte nicht entscheiden, was von beidem. Vielleicht war es dem Menschen, der sie schuf, auch nicht klar. Ein Einsiedler, der allein in einem Spalt im Wald lebt, hat gute Gründe, sich vor etwas zu fürchten und etwas zu seinem Wächter zu machen, und vielleicht hat er sich mit diesen Gesichtern selbst Gesellschaft geschaffen.

Ich setzte mich auf einen Felsvorsprung und lauschte. Es war still, nur der Wind in den Kiefern, deren Duft warm und harzig herüberzog, und das ferne Rauschen des Wassers.

Als ich aufbrach, drehte ich mich noch einmal um. Die Höhle lag im Schatten unter ihrem Felsdach, hell am Rand und dunkel in der Tiefe, und das Gesicht an der Westseite blickte mir nach, flach und reglos. Ich ging langsam weiter in Richtung Trier und hatte das Gefühl, einen Ort zu verlassen, der mir nichts verraten hatte und doch deutlich gemacht hatte, dass er mehr wusste, als er zeigte.
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