Menhir bei Bescheid
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Bescheid liegt im Hunsrück, eine Gegend, in der die Erde offenbar sehr früh viele Geschichten gesammelt hat. Archäologen haben hier eisenzeitliche Grabhügelfelder untersucht, darunter ein frühlatènezeitliches Wagengrab, und aus einem keltischen Kindergrab des vierten Jahrhunderts vor Christus stammt ein etruskischer Bronzebecher. Wer hier wandert, geht über Gräber, ohne es zu wissen. Ich war auf der Suche nach einem Stein südwestlich des Dorfes und östlich von Lorscheid, am Rand eines Waldes, am südlichen Hang einer flachen Anhöhe, und fand ihn dort, wo die beiden Orte aneinanderstoßen.
Der Menhir von Bescheid steht auf der Grenze zwischen Bescheid und Lorscheid, ein Block aus devonischem Schiefer, der im Licht dunkel und schuppig wirkt. Er ist nicht sehr hoch, aber er hat jene Gestalt, die man bei solchen Steinen sofort erkennt: schmal, aufrecht, ein wenig geneigt. Ich ging einmal um ihn herum, legte die Hand auf seine rauen Flächen und blieb eine Weile stehen, ohne etwas zu denken. Dann las ich nach, was man über ihn herausgefunden hat, und die Geschichte war überraschender als der Stein.
Das Rheinische Landesmuseum Trier hat ihn untersucht und etwas entdeckt, das man bei einem Menhir nicht erwartet. Für seine Aufstellung war ein siebzig Zentimeter tiefes Loch gegraben worden, in dem man ihn mit einigen kleineren Steinen befestigt hatte. In der Grube fand sich etwas Holzkohle, die ins 17. Jahrhundert datiert werden konnte. Der Stein wurde also erst zu dieser Zeit als Grenzstein aufgestellt. Zuvor diente er wohl als Stele eines benachbarten Grabhügels, vielleicht einer jener keltischen Gräber, die man in der Umgebung gefunden hat. Es ist ein seltsamer Gedanke, vor einem Stein zu stehen und zu wissen, dass er zweimal aufgerichtet wurde, das erste Mal für einen Toten, das zweite Mal für eine Linie auf der Karte, und dass zwischen beiden Aufstellungen vielleicht zweitausend Jahre liegen.
Deshalb trägt die Veröffentlichung dazu die Frage im Titel: Menhir, Grabstele oder Grenzstein? Ich glaube, die Antwort lautet: alles, nacheinander. Ein Menhir im strengen Sinn, ein jungsteinzeitlicher Stein, den man zu kultischen Zwecken aufrichtete, ist er offenbar nicht. Er war vermutlich eine Grabstele, später ein Grenzstein, und ist heute ein Denkmal, das beides in sich trägt. Dass er trotzdem als „Menhir” geführt wird, zeigt eher, wie sehr man dazu neigt, jeden aufrechten Stein in diese Kategorie zu stecken, als dass es ihn kleiner machte.
Dem Stein fehlt ein Zwilling. Rund 1,3 Kilometer nördlich stand an der Grenze von Bescheid, Mehring und Naurath ursprünglich ein ganz ähnlicher Menhir, der Lange Stein von Bescheid. Im Jahr 2006 wurde er irrtümlich entfernt und bisher nicht wieder aufgestellt. An seiner Stelle liegt nun ein größerer Stein, bei dem es sich nicht um das Original handelt. Ich habe diese Geschichte auf meiner Reise mehrfach erlebt, vom zersägten Menhir bei Zerf bis zum Fliegenstein: Steine überdauern Jahrtausende, aber ein Bagger, ein Irrtum oder ein Auftrag reichen, um sie auszulöschen. Hier ist es besonders leise geschehen, denn niemand wollte den Stein zerstören, man hat ihn nur nicht erkannt.
Der Wind ging durch die Bäume, und das Licht lag in schrägen Bahnen über dem Waldrand. Ich stand an der Grenze zwischen zwei Orten, die dieser Stein seit dem 17. Jahrhundert trennt und verbindet, und dachte darüber nach, wie wenig es braucht, damit ein Zeichen seine Bedeutung wechselt. Ein Loch, ein paar Steine zum Verkeilen, etwas Holzkohle. Mehr war nicht nötig, um aus dem Wächter eines Grabes den Wächter einer Grenze zu machen.
Als ich ging, drehte ich mich noch einmal um. Der Schiefer stand dunkel gegen den helleren Wald, und ich hatte das Gefühl, dass er sich an beide Aufgaben erinnerte, ohne eine von ihnen zu bevorzugen.